Henry Miller - Stille Tage in Clichy

Henry Miller – Stille Tage in Clichy (Quelle: buecher.de)

Die beiden Freunde Joey und Carl arbeiten eher erfolglos als Schriftsteller und wohnen für ein Jahr zusammen im Pariser Vorort Clichy, wo sie ein Leben in Ausschweifung führen. Ist Geld im Haus, wird es sofort für Prostituierte und ausgelassene Feiern ausgegeben.

Ein alles andere als stiller Skandal

Soviel zur Handlung von Henry Millers Roman Stille Tage in Clichy, der, wie so häufig bei diesem Autor, unmittelbar nach dem Erscheinen arge Probleme mit den Sittenwächtern bekam. Dies verwundert nicht, schwelgt der Text doch vor allem in den zahlreichen Orgien in frivolen Details, die, anders als im Wendekreis des Krebses, auch heutzutage noch stark pornographisch wirken und lediglich in Sexus überboten werden. Ob es nun Carl ist, der sich in die erst fünfzehnjährige Colette verguckt oder Joey, der sich mit zahlreichen Dirnen in der Badewanne vergnügt:

Es war eine Zeit, wo die Möse in der Luft lag. (43)

Der Aufenthalt im Paradies

Doch Miller wäre nicht Miller, spielte nicht auch in Stille Tage in Clichy diejenige Lebensphilosophie eine große Rolle, die schon im Wendekreis des Krebses zum Tragen kam:

Wenn ich an unsere gemeinsame Zeit in Clichy zurückdenke, kommt sie mir wie ein Aufenthalt im Paradies vor. Nur das Nahrungsproblem war ein echtes Problem. Alle anderen Leiden bestanden lediglich in unserer Einbildung. (42)

Joey feiert das Leben in vollkommener Ausgelassenheit und unterscheidet sich darin durchaus von seinem Kameraden, der für schwierige Zeiten immer ein wenig Geld in seiner Ausgabe von Goethes Faust versteckt hält:

Das Leben versorgt uns ständig mit neuen Mitteln, neuen Hilfsquellen, selbst wenn wir stagnieren. Im Hauptbuch des Lebens gibt es keine eingefrorenen Guthaben. (39)

Hier spricht einer, der tatsächlich verhalten als Optimist bezeichnet werden kann, der stets im Hier-und-Jetzt lebt, ohne Gedanken an die Zukunft, ohne Besitz, ohne Verpflichtungen. Einer, der stärker noch als der Erzähler aus dem Wendekreis des Krebses als Verkörperung des berühmt gewordenen Zitats herhalten kann:

Ich habe kein Geld, keine Zuflucht, keine Hoffnungen. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. (Wendekreis des Krebses, Reinbek bei Hamburg: 2012, S. 13)

Joey beim Baden

Joey beim Baden in der Verfilmung von Jens Jørgen Thorsen (1970) (Quelle: tvmovie.de)

Anders als im Wendekreis funktioniert diese Philosophie in Stille Tage in Clichy jedoch wesentlich unverkrampfter, da sie nicht ständig reflektiert wird. An die Stelle der vermittelnden Passagen tritt die oft vulgäre, dadurch jedoch umso unmittelbarere Darstellung eines Lebens, das vorbehaltlos gefeiert wird. Die absurde Komik des Textes, die ungezügelte Ausgelassenheit der beiden Figuren, sind letztlich Ausdruck einer Lebensliebe, die nur im Paris der 30er Jahre ihre angemessene Bühne finden kann. So heißt es denn auch über einen kurzen Trip der beiden nach Luxemburg:

Um die Wahrheit zu sagen, es war eine schöne, geordnete, wohlhabende, beschauliche Welt, jedermann war guter Laune, nachsichtig, gütig, duldsam. Dennoch lag über dem Ganzen ein Geruch von Fäulnis. Der Geruch der Stagnation. Durch ihre heuchlerische Freundlichkeit hatten sich die Einwohner selbst das Rückgrat gebrochen. […]
Es ekelte mich an. Lieber in Paris wie eine Laus sterben, als in diesem fetten Land leben (71-74)

Beredtes Schweigen – Ein paar abschließende Worte zu Christine

Nur ein einziges Mal, ganz am Ende des Romans, wird deutlich, dass auch Joeys Leben nicht ausschließlich vom Spaß regiert wird. Auf den Champs-Élysées lernt er die Prostituierte Mara kennen, die ihn an eine längst verflossene Liebe namens Christine erinnert. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er Mara am Ende mit folgenden Worten am Oralsex hindert:

 Mein Gott im Himmel, was ist denn in Dich gefahren – hat Dich noch nie jemand anständig behandelt? (120)

Ruft man sich die sonstige sexuelle Rücksichtslosigkeit Joeys ins Gedächtnis, wirkt dieser Satz absurd, er lässt sich nur erklären im Hinblick auf Christine:

Vielleicht war Mara mir nur gesandt worden, um mich daran zu erinnern, daß ich erst wieder glücklich sein würde, wenn ich Christine wiederfand… (125)

Möglicherweise wäre Christine die einzige Person gewesen, die Joeys Jagd nach immer mehr Leben hätte beenden können. So erscheint es fast ein wenig tragisch, dass dieser Aspekt des Romans keinen größeren Raum bekommen hat; er wird sofort von der nächsten Orgie ausgelöscht:

Ein gutes Essen, ein gutes Gespräch, ein guter Fick – wie konnte man denn einen Tag besser verbringen? (58)