Péter Nádas Ende eines Familienromans

Schönheit und Grausamkeit, nahe beieinander: Péter Nádas „Ende eines Familienromans“

Ende eines Familienromans erschien bereits 1977, es ist Péter Nádas erster Roman, und trotzdem sind hier die großen Themen des Buches der Erinnerung und der Parallelgeschichten schon versammelt: Das erdrückende Leben unter einer dogmatischen Ideologie, die daraus resultierende Konfusion der eigenen Identität, aber auch die unwiderstehliche Perfektion der Erzählung selbst. Es ist ein Buch, das mich fassungslos und erschüttert zurückgelassen hat und das einmal mehr zeigt, was für eine Ausnahmeerscheinung Nádas in der zeitgenössischen Literatur ist. 

Die Unsicherheit der eigenen Existenz

Péter Simon ist ein kleiner Junge, der im sowjetisch besetzten Ungarn bei seinen Großeltern aufwächst, da sein Vater als Parteioffizier nur selten zu Hause ist. Sein Leben steht von Beginn an im Zeichen permanenter Bedrohung, Sicherheiten gibt es keine: Freunde verschwinden, werden – ob durch Verleumdung oder nicht – als Verräter gebrandmarkt, wirkliche Bezugspersonen sind entweder nicht verfügbar (der Vater) oder aber zu alt, um dem Jungen gerecht zu werden (die Großeltern). All dies wird eingerahmt von der Familiengeschichte der Simons, die, vom Großvater an den Enkel weitergegeben, zugleich die mythisch verarbeitete Geschichte des Judentums ist, eingeteilt in sieben Kreise, in deren letztem Simon selbst sich befindet.

Das alles ist harter Tobak, sowohl inhaltlich als auch formal, da der als Roman deklarierte Text nicht viel auf die Geschichte seiner Form hält und sich dadurch prinzipiell jeglicher gattungstheoretischer Kategorisierung verweigert; er ist zugleich und ohne  Rücksicht auf eine durchgehaltene Chronologie Essay, Traumschilderung, Lyrik und Prosa, zusammengehalten lediglich durch die kindliche Perspektive Péters, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dieser Kniff erlaubt Nádas eine vollkommen eigenständige Verarbeitung eines der düstersten Kapitel der ungarischen Geschichte, vorgetragen in einer wunderbar unprätentiösen Sprache, bis ins Mark erschütternd ob der hoffnungslosen Situation seines jungen Protagonisten.

Die Unerschöpflichkeit der Bezugssysteme

Es wäre noch viel zu schreiben: Über die unzähligen biblischen Verweise, angefangen von der zentralen Zahl Sieben bis zu der Beziehung zur benachbarten Freundin Eva (!), mit deren Bruder der Erzähler in einer geheimen Höhle ein regelmäßiges ‚Vater-Mutter-Kind‘-Spiel veranstaltet, das in seiner Anordnung nicht zufällig auf die Geburt Christi anspielt. Oder aber über die Rolle des Körpers, in Ende eines Familienromans noch nicht so fokussiert wie in den späteren Texten, die Péter nackt zu seinem Vater ins Bett kriechen lässt, die ihn aber später im Internat auch buchstäblich in die Arme seiner Kameraden treibt: In einer Zeit der geistigen Haltlosigkeit muss eine Umarmung geradezu als Bollwerk gegen die Unsicherheit erscheinen.

Diese Unerschöpflichkeit der Bezugssysteme macht den Roman neben der bereits erwähnten Form zu einem Stück Literatur, das trotz vergleichsweise geringem Umfang unheimlich fordernd ist, das sich aber in seiner Reichhaltigkeit kaum ausschöpfen lässt. Ende eines Familienromans ist eine messerscharfe Sektion der psychischen Beschädigung der Menschen in einer Diktatur, durchgeführt mit den Mitteln sprachlicher Perfektion: Schönheit und Grausamkeit liegen eben manchmal nahe beieinander.