Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel

Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel

Als Beim Häuten der Zwiebel 2006 erschien, wurde jegliche literarische Beschäftigung mit dem autobiographischen Text durch Grass Bekenntnis erstickt, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Das ist schade, zeigt er sich in diesem verhältnismäßig schmalen Bändchen doch erneut als unnachahmlicher Erzähler mit gänzlich eigener Stimme, die – so bleibt zu hoffen – auch sein Tod in diesem Jahr nicht in Vergessenheit wird geraten lassen.

Am Anfang war die Metapher

Wie so häufig bei Günter Grass steht am Anfang eine zunächst einfache Metapher, an der sich der Text entzündet, um den er kreist. In diesem Falle ist es das ‚Häuten der Zwiebel‘, das sich ganz besonders zur Veranschaulichung der autobiographischen Arbeit eignet:

Die Erinnerung fußt auf Erinnerungen, die wiederum um Erinnerungen bemüht sind. So gleicht sie der Zwiebel, die mit jeder wegfallenden Haut längst Vergessenes offenlegt, bis hin zu den Milchzähnen frühester Kindheit; dann aber verhilft ihr Messerschärfe zu anderem Zweck: Haut nach Haut gehackt, treibt sie Tränen, die den Blick trüben. (305)

Dichtung und Wahrheit

Die Metapher vom Häuten der Zwiebel ist nicht bloß aufgrund ihrer Anschaulichkeit brillant gewählt. Vielmehr vermag sie sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen des gleichnamigen Buches zu markieren. Da ist auf der einen Seite der begnadete Erzähler Günter Grass, der sich durch sein ungeheuer reichhaltiges Leben bis hin zum Erscheinen der Blechtrommel schreibt, der Zwiebel Erinnerung Haut um Haut entfernt, um, wie er sagt, „das letzte Wort“ (8) zu behalten. Dessen Lust am Erzählen, dessen überbordende Sprache fesseln von der ersten bis zur letzten Seite und machen das Buch zu einer unverschämt kurzweiligen und dennoch tiefgründigen Angelegenheit.

Da ist aber auf der anderen Seite auch die Unzulänglichkeit der

Dame Erinnerung, […] eine[r] launische[n], oft unter Migräne leidende[n] Erscheinung, der zudem der Ruf anhängt, je nach Marktlage käuflich zu sein. (64)

Diese Unzulänglichkeit hat zur Folge, dass Beim Häuten der Zwiebel die Maßstäbe der Autobiographie nur in Grenzen kleidsam sind, denn Grass schreibt, dass sich schriftliche Zeugnisse aus seinen frühen Jahren aufgrund des Krieges nicht erhalten hätten. So bleibt es – dies sicherlich ganz im Sinne des Erzählers  – mitunter dem Eindruck des Lesers überlassen, diese oder jene Stelle für Erfindung oder Wahrheit zu halten. Der Lesbarkeit ist das zuträglich, der Tauglichkeit als schonungsloses Bekenntnis – und auch das ist Grass Anspruch – eher nicht.

Ungeachtet dieses unauflöslichen Umstands ist Beim Häuten der Zwiebel ein großartiges Buch: Sprachlich wie eigentlich immer virtuos, voll von unvergesslichen Bildern und Anekdoten wie derjenigen vom Jazzmusiker Grass, der zumindest für ein paar Minuten mit Louis Armstrong (!) auf der Bühne steht. Da ist es fast egal, ob dessen Erinnerung trügt oder nicht, Passagen wie diese haben meine nachhaltig bereichert.

Das Leben des Künstlers als neugeborener Dichter

Nicht zuletzt bestimmt sich das Buch auch als Biographie eines bildenden Künstlers, dessen Arbeiten spätestens seit dem monumentalen Erfolg der Blechtrommel immer lediglich in zweiter Reihe standen. Dies muss ein Problem für Grass gewesen sein und so nimmt es nicht Wunder, dass er den Nobelpreis durchaus ambivalent reflektiert. Es ändert indes nichts daran, dass er die literarische Welt mit seinen Büchern, so auch mit Beim Häuten der Zwiebel, erheblich bereichert hat. Auch Nicht-Freunden ausladender Metaphorik kann ich das Buch daher wärmstens empfehlen; und sei es als erstaunliche Ergänzung zur Blechtrommel, Katz und Maus und Hundejahre.