Die Brüder Karamasoff ist Fjodor Dostojewskis letzter Roman und, schenkt man der Literaturkritik Glauben, sein gelungenster. Eines ist jedenfalls sicher: In der Geschichte um die drei bzw. vier Brüder Karamasoff, ihr schwieriges Verhältnis untereinander und zu ihrem Vater lauert die Fratze des Wahnsinns buchstäblich überall, geben sich Ratio und Imagination, Vernunft und Irrsinn in einem derart dionysischem Rausch die Klinke in die Hand, dass man sich bei Unterbrechung der Lektüre bisweilen wundert, den eigenen Kopf noch an seinem angestammten Platz vorzufinden.

Zur Glaubwürdigkeit des Figurenkabinetts

Was dem Roman seine fast schmerzhafte, seine unmittelbare Wucht verleiht, ist die höchst komplexe Figurenzeichnung. Jeder der auftretenden Charaktere handelt absolut unvorhersehbar, wie es bereits 1985 die Literaturwissenschaftlerin Ilma Rakusa in ihrem wunderbaren Nachwort zur Rahsin-Übersetzung darlegte. Dass diese Unvorhersehbarkeit nicht in Unglaubwürdigkeit mündet, ist Dostojewskis feinem Gespür für die oft ambivalenten Regungen der menschlichen Psyche geschuldet. (Ganz anders sieht das hier allerdings Yaak Karsunke in seiner lesenswerten Besprechung anlässlich der Neuübersetzung des Romans durch Swetlana Geier)

So ist es ausgerechnet Iwan Karamasoff, eingeführt als Archtypus des atheistischen Intellektuellen, der aufgrund seiner ganz persönlichen Theodizee dem Wahnsinn anheimfällt, indem er nicht an der Frage nach der Existenz Gottes, wohl aber an der Schlechtheit der Welt verzweifelt. Ausgerechnet ihm erscheint kurz vor seinem vollständigen Zusammenbruch der Teufel, der ihn davon überzeugen will, dass er wirklich existiert.

Nicht anders verhält es sich mit Iwans älterem Bruder Dimitri, der trotz regelmäßiger Saufgelage, Schlägereien und Frauengeschichten alles in der Welt daransetzt, vor seiner Verflossenen Katerína Iwánowna Werschóffzeff nicht als Dieb dazustehen, obgleich er dreitausend von ihr anvertraute Rubel zu verschleudern willens war.

Die einzig moralisch integre Lichtgestalt des Romans ist Aljoscha, der jüngste der Brüder Karamasoff, den wir als treuen Klosterschüler des Starez Sossima kennenlernen. Sowohl Iwan als auch Dimitri ersuchen ihn mehrfach um Rat, wollen seine Lossprechung.

Die allgegenwärtige psychische Ambivalenz bringt während des Vatermörder-Prozesses der Staatsanwalt Ippolit Kirillowitsch auf den Punkt, wenn er in seinem Plädoyer ausholt:

Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall ist es aber nicht so. […] Warum? Weil wir eben breite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit.

Eine derartige Anlage ist in jedem Menschen vorhanden, durch die schonungslose und konsequente Akzentuierung wird sie in den Brüdern Karamasoff jedoch deutlich herausgestellt, weshalb es – auch und vor allem vor dem Hintergrund der Geschichte um den Vatermord – nicht verwundert, dass Sigmund Freud und nach ihm ein großer Teil der psychoanalytischen Literaturwissenschaft diesen letzten Text Dostojewskis als einen der herausragenden Höhepunkte der Literaturgeschichte betrachten.

Vom Versagen der Psychologie

Doch auch damit, so scheint es mir, wird man dem Werk nicht gänzlich gerecht. Im Zentrum des zwölften und letzten Buches steht der verbale Schlagabtausch zwischen dem Staatsanwalt Ippolít Kiríllowitsch und dem Verteidiger Dimitris, Fetjukowitsch, dessen Vornamen wir nicht erfahren. Beide argumentieren mit den Mitteln der Psychologie, um den vermeintlichen Vatermörder Dimitri zu überführen (Kiríllowitsch) oder aber von der Schuld freizusprechen (Fetjukowitsch). Beide Argumentationen verfehlen die Wahrheit der erzählten Welt, beide sind aber in sich vollkommen logisch und nachvollziehbar.

Indem nun Dostojewski – wohlgemerkt der Dostojeweski, der sich wie eingangs beschrieben gerade in den Brüdern Karamasoff als meisterhafter Anatom der menschlichen Psyche zu erkennen gibt – beide Meinungen aufeinanderprallen lässt, führt er zugleich Möglichkeiten und Grenzen der Psychologie und damit auch der psychoanalytischen Literaturwissenschaft vor. Immerhin weiß der Leser, dass weder die Rede Kiríllowitschs noch diejenige Fetjukowitschs den Kern der Sache treffen, auch wenn Dimitri unschuldig verurteilt wird.

Das Spätwerk als meisterhafte Synthese

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass Elemente der Brüder Karamasoff schon in anderen berühmten Werken Dostojewskis verhandelt wurden: Schuld und Sühne erzählt von einem Raubmord und der anschließenden Täterverfolgung, die letztgültigen und stets auf die Metaphysik abzielenden Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit Gottes waren schon zentraler Bestandteil der Dämonen, vor allem in der Figur Kirillow, nach der Andreas Maier gleich einen ganzen Roman benannt hat.

Die Stärke der Brüder Karamasoff liegt in ihrer beispiellosen Synthese all dieser großen Themen, die eine einzige Besprechung unmöglich gebührlich zu behandeln in der Lage ist. Am erstaunlichsten dabei ist jedoch, dass Dostojewski trotz der epischen Länge des Textes, trotz der komplexen Anlage verschiedenster Charaktere und Motivationen niemals den Überblick verliert. Schuld und Sühne mag aufgrund des enger geführten Spannungsbogens als Kriminalroman besser funktionieren, Die Dämonen mögen philosophisch bisweilen noch fordernder sein; Die Brüder Karamasoff bleiben in all diesen Facetten und auch darüber hinaus stets so packend und wunderbar lesbar, dass ich mich am Ende nur äußerst ungerne von den Figuren trennen mochte. Bedenkt man deren bisweilen übersteigerte Unzulänglichkeiten, deren asoziale Egozentrik, grenzt dies schon an ein kleines Wunder.