Sonnenuntergang in Lilienthal

Sonnenuntergang in Lilienthal (Quelle: instagram.com)

Literatur kann zeitlos sein, ihre Themen, ihre Sprache, ihre gesamte poetische Beschaffenheit. Doch in all diesen Dingen bleibt sie zeitgleich ihrer Zeit verhaftet, was wiederum die Zeitlichkeit der Zeit vor Augen führt. Heute las ich im zweiten Buch von Günter Grass Hundejahren:

 

 

 

 

Der Glettkauer Seesteg blitzte bizarr vereist. Deshalb mußte mein Vater den Fotoapparat aus dem Lederfutteral nehmen, und wir mußten uns vor dem phantastischen Zuckerwerk um Harras [den Schäferhund, W.S.] gruppieren. Lange brauchte mein Vater, bis er die richtige Einstellung hatte. Sechsmal mußten wir stillhalten […]. Es sollte sich zeigen, daß von den sechs Aufnahmen, die mein Vater gemacht hatte, vier Aufnahmen überbelichtet waren: Das Eis reflektierte.

Dieser Absatz würde heute, nur wenige Jahrzehnte später, vollkommen anders aussehen. Da hätte der Tischlermeister Liebenau sein Smartphone gezückt, die Szenerie – lediglich Sekunden brauchend -, beliebig oft festgehalten, mit populären Filtern versehen und bei Instagram hochgeladen. Man darf annehmen, dass das so entstandene Foto in Danzig und Umgebung gut angekommen wäre.

Dass ich ausgerechnet heute über diesen Absatz gestolpert bin, ist Zufall, habe ich doch das oben stehende Instagram-Bild gerade eben beim Joggen aufgenommen. Der Sonnenuntergang sah toll aus und ein besserer Fotograf hätte ihm sicherlich wesentlich mehr entlocken können. Mich hat diese gesamte soziale Exposition gerade mal zehn Minuten gekostet und wildfremde Menschen würdigen mein Engagement nun mit kleinen Herzchen, dem facebook-Like Instagrams.

Was meiner Publikation hingegen fehlt, ist Sorgfalt, eine Sorgfalt, die Liebenaus Versuchsanordnung pflegt, indem sie Einstellungen und Lichtverhältnisse genau prüft, bevor der Auslöser zum Einsatz kommt. Eine Sorgfalt aber auch, die Zeit braucht und die gerade deshalb gar nicht mehr so recht zur Zeit passen will.

Mit dem Lesen verhält es sich ähnlich: Auch das braucht Zeit, die der Zeit fremd ist, was Günter Grass durchaus bewusst war, wie in diesem Interview zum Thema ‚Was bleibt?‘ nachzusehen (!) ist. Das sollte uns als Leser jedoch nicht davon abhalten, uns ab und an die Zeit für ein Buch zu nehmen. In Zeiten, die einem unzählige E-Mails pro Stunde bescheren, in denen selbst die sozialen Netzwerke die Sprache bis zum Hashtag zurückdrängen, ist Literatur auch in diesem Sinne zeitlos: Sie entschleunigt, sie zwingt zur Kontemplation und sie kann einen unvergleichlichen geistigen Genuss verschaffen. Ich liebe die sozialen Medien und die Möglichkeiten ihrer atemlosen Taktung. Aber ein Buch; dafür wird es in heutiger und absehbarer Zeit keinen vergleichbaren Ersatz geben.