Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel vs. Dan Brown: Inferno

Eco schlägt Brown

Den Romancier Umberto Eco habe ich nie verstanden: Seine Figuren sind meistens blass und seltsam emotionslos, die Handlung erstickt spätestens nach dem ersten Drittel unter zeichentheoretischen Erörterungen und die aufdringliche Gelehrtheit treibt zuverlässig jegliche Form poetischer Qualität aus. Unter diesen Mängeln leidet auch Das Foucaultsche Pendel. Als bitterböse Satire auf Verschwörungstheorien aller Art taugt das Buch dennoch.

Am Anfang waren die Templer

Den Kern der Handlung bildet der zunächst spaßhafte Versuch dreier Verlagsangestellter, einen vermeintlichen Großen Plan der Tempelritter aus unzähligen Schriften und Überlieferungen zu destillieren; eine Super-Verschwörungstheorie, wenn man so will. Dabei werden sie von der Grundannahme einer unumstößlichen, gleichwohl versteckten Verbindung selbst zwischen den entferntesten Dingen geleitet:

Jede Gegebenheit wird bedeutsam, wenn man sie mit einer andern verbindet. Die Verbindung ändert die Perspektive. […] Man muß argwöhnen, immer nur argwöhnen. Geheime Botschaften kann man auch aus einem Einbahnstraßenschild herauslesen. (442)

Oder, wie der Ich-Erzähler und Verschwörungs-Konstrukteur Casaubon reflektiert:

Auf jeden Fall, in welchem Rhythmus auch immer, wurden wir für unsere Mühe belohnt, denn wenn man Zusammenhänge finden will, findet man immer welche, Zusammenhänge zwischen allem und jedem, die Welt explodiert zu einem wirbelnden Netz von Verwandtschaften, in dem alles auf alles verweist und alles alles erklärt… (545)

Der Große Plan und die Wissenschaft

Dieser Grundannahme folgend, bedienen sich die drei Lektoren aller verfügbaren Quellen, um in einem satirischen Spiel den Großen Plan zusammenzusetzen. Jeder, der schon einmal wissenschaftlich gearbeitet hat, wird sich hier ertappt fühlen, denn auch im Bereich akademischer Tätigkeit geht es zumeist darum, einer individuellen Verknüpfung bekannter Fakten neue Deutungen abzuringen. Das ist die pure Essenz des Poststrukturalismus. Eco als Wissenschaftler weiß das natürlich, was die historisch-kritische Arbeit der Hauptfiguren trotz aller unnötigen Gelehrtheit umso unterhaltsamer macht.

Der Große Plan und die Weltverschwörung

Letztlich, und darauf zielt Das Foucaultsche Pendel natürlich ab, geht es vor allen Dingen um die Entlarvung der Mechanismen hinter allen gängigen Verschwörungstheorien. Mithin um ein Thema also, das in Zeiten der Flüchtlingsströme und Terroranschläge eine ganz neue und traurige Dynamik entfaltet. Was diesem Mechanismus gilt, ist nicht der Wahrheitsgehalt, sondern der unbedingte Glaube an eine Bedeutung hinter der Bedeutung, die Verweigerung gegenüber offensichtlichen Erklärungen zugunsten versteckter Botschaften; letztlich die idiosynkratische Verknüpfung vollkommen disparater Bewegungen zur Bestätigung des eigenen Weltbilds.

Am Ende ruft das Große Nichts

Das Geheimnis des Großen Planes ist, dass er nicht existiert. Damit führen Casaubon und seine Mitstreiter Verschwörungstheorien per se ad absurdum, anders als beispielsweise in den Romanen von Dan Brown verwirklichen sie sich nicht. Einzig der Glaube erhält sie am Leben: Dass dies mitunter tödliche Konsequenzen hat, erfahren die drei Lektoren am eigenen Leib, nachdem eine Gruppe selbsternannter Templer den Großen Plan für bare Münze nimmt.

In einem Moment wird Casaubon gefragt: „Quid est veritas?“  Die Antwort lautet: „Wir“. (511) Das ist eine Botschaft, die – ernst genommen – im Halse stecken bleibt und über die es sich wirklich nachzudenken lohnt, denn man sollte nie vergessen, dass immer ein Moment existiert, „in dem es keinen Weiterverweis mehr gibt und die Konten beglichen sind.“ (745)

Quelle:

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel, München; Wien: Carl Hanser Verlag, 1989.