Bücher des Jahres 2015 - Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Teil meiner Bücher des Jahres 2015 ist Die Stunde zwischen Frau und Gitarre bereits. Jetzt, nach Abschluss des Ganzen und mit Einsetzen der geistigen Verdauung, bin ich noch immer überzeugt davon, ein ganz besonderes Buch gelesen zu haben. Ich würde es sofort und ohne schlechtes Gewissen weiterempfehlen, möglicherweise überdauert es gar den derzeitigen Hype. Dass es dennoch nicht in jeder Hinsicht großartig geworden ist, liegt an seiner Hybris.

Wer ist hier eigentlich verrückt?

Natalie Reinegger, die Hauptfigur, ist 21 Jahre alt und arbeitet in einem Pflegeheim für geistig und körperlich behinderte Menschen. Wer ob dieser Berufung eine saubere Dichotomie zwischen krank (Heimbewohner) und gesund (Natalie) erwartet, wird sehr schnell eines Besseren belehrt. Natalie ist – man muss es wohl so sagen – schwer gestört: Wahllos befriedigt sie des Nachts fremde Männer oral (sie nennt es ‚streunen‘) und trinkt auch schon mal den Inhalt der mitgenommenen Kondome, während sie sich im selben Augenblick Sorgen um mögliche Keime im Trinkwasser macht. Darüber hinaus leidet Natalie an einer gravierenden Angststörung, die sie mittels Tabletten zu bekämpfen versucht. Ihre Einsamkeit überspielt sie mit dem Konsum von Live-Sendungen und Stephen King-Romanen, weil sie so das Gefühl bekommt, Teil einer Massenbewegung zu sein. Kurz: Im Vergleich zu ihr wirken ihre Patienten bisweilen vollkommen funktionstüchtig.

Wer ist hier eigentlich der Stalker?

Ausgerechnet Natalie wird die Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm und damit Teil einer Beziehung, die für sich beanspruchen kann, selbst im Koordinatensystem der eigentümlichen Heimregeln als exotisch zu gelten. Dorm hat vor Jahren einem anderen Mann, Christoph Hollberg, nachgestellt und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord getrieben. Nun besucht und erniedrigt Hollberg Dorm regelmäßig, was vom Personal als vermeintlich beidseitig fruchtbares Arrangement unterstützt wird. Natalie kann und will dieses Arrangement nicht verstehen und fängt ihrerseits an, Hollberg zu stalken, um mehr über seine Motive zu erfahren. Dabei verschwimmt zunehmend auch die nächste Dichotomie, nämlich diejenige zwischen Täter und Opfer.

Wer ist hier eigentlich Herr/Frau der Bedeutung?

Natalie, labile Persönlichkeit und Stalkerin wider Willen, lebt auch semantisch in einer vollkommen eigenen Welt, die sich vornehmlich in synästhetischen Neologismen, ungewöhnlichen Metaphern und kausalitätsbefreiter Kommunikation, von ihr ‚non sequitur‘ genannt, artikuliert. So ist für sie der Zustand im Vorfeld eines epileptischen Anfalls ‚aurig‘

das war ihr Wort, seit der Kindheit, für den Zustand, der einem Grand-Mal-Anfall vorauszugehen pflegte. Aura, aurig. Es war so, als wäre man in unangenehm heißer, dichter und intimer Verbindung mit der Umgebung.

Die auf Natalies Wahrnehmungsapparat konzentrierte Erzählperspektive bringt es mit sich, dass der Leser oft dutzende Seiten an Nonsense-Kommunikation vorgesetzt bekommt, ohne dass diese in irgendeiner Weise handlungsfördernd wäre. Ganz in postmoderner Tradition löst sich auch die dritte Dichotomie auf, nämlich diejenige zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Derrida, so lässt sich annehmen, hätte zumindest dieser Aspekt von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre sehr gut gefallen.

Worum geht es hier eigentlich?

Gesundheit, Stalking, referentielles System: Das sind nur drei der Eckpfeiler, zwischen denen sich Die Stunde zwischen Frau und Gitarre bewegt, jeder für sich Stoff für weit mehr als einen Roman. Das ist großartig gedacht, großartig geschrieben, anmaßend, faszinierend. Erkauft wird dieser allumspannende Entwurf bisweilen allerdings mit notgedrungenen Qualitätsunterschieden. Auf Ebene des Thrillers versagt das Buch beispielsweise insofern, als sich letztlich die naheliegende Erklärung für das Arrangement zwischen Dorm und Hollberg bestätigt. Stephen King, Natalies literarische Vorliebe, hätte hier sicherlich einiges besser gemacht. Nichtsdestotrotz ist Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ein Ausnahmewerk und eines derjenigen Bücher, die man aufgrund des referentiellen Reichtums und der Lust an der Destruktion althergebrachter Vorstellungen auch ein zweites oder drittes Mal mit Gewinn lesen kann. Immer vorausgesetzt natürlich, man ist bereit zu einer wiederholten Reise in Natalies Kopf.