Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob

Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob

Die Mauern des biblischen Jericho, so berichtet es das Buch Josua aus dem Alten Testament, fallen unter dem Klang von sieben Posaunen. Alle darin befindlichen Jebusiter mit Ausnahme der Hure Rahab werden niedergemetzelt, die Stadt brennt vollständig herunter. Demjenigen, der es wagen sollte, Jericho wieder aufzubauen, droht fortan und für alle Zeiten ein vernichtender Fluch, ausgesprochen von Josua selbst, unter der Schirmherrschaft Gottes stehend.

Jerichow, die fiktive Stadt aus Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob, steht ebenfalls symbolisch für eine vermeintlich undurchdringliche Mauer, die – weit weniger apokalyptisch – gleichermaßen fiel; niedergerissen allerdings nicht von biblischen Posaunen, sondern von irdischer Politik, musikalisch begleitet von David Hasselhoff, der einigen Unkenrufen zufolge die Funktion des blechblasenden Priesters noch immer für sich reklamiert.

Grenzüberschreitungen als Strukturprinzip

Johnsons Debütroman erschien 1959, im gleichen Jahr wie Grass Blechtrommel. Anders als ein Großteil der Klassiker aus der Gruppe 47 beschäftigt sich Mutmaßungen über Jakob allerdings nicht mit der literarischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, sondern mit dem zweigeteilten Deutschland aus Sicht der DDR. Im Kern geht es immer wieder um Grenzüberschreitungen in Form der Republikflucht. Diese Grenzüberschreitungen strukturieren aber nicht nur die Handlung, sondern auch und vor allem die Form der Erzählung: Dialoge, Monologe und auktoriale Erzählweise stehen unverbunden nebeneinander, oft ist zunächst gar nicht klar, wer gerade die Stimme erhebt oder worum es geht. So entsteht ein vielfältiges Mosaik aus Erörterungen, dessen Zentrum Jakob Abs bildet, ein Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn, mit dessen Tod der Text beginnt.

Sprachliche Innovation auf Kosten der Lesbarkeit

Johnsons Stil ist konsequent, aber er ist auch anstrengend; so anstrengend, dass ich lange Zeit überhaupt keinen wirklichen Zugang zum Text gefunden habe, der bei flüchtiger Lektüre vor allem spröde und verkopft wirkt. Die Handlung und die persönlichen Motive der auftretenden Figuren muss sich der Leser hart erarbeiten; bisweilen zu hart, denn die überbordende Syntax, das stetige Spiel mit manieristischem Ausdruck und vor allem die abgeklärte Distanziertheit der Prosa verdecken allzu häufig den interessanten Kern des Romans, der eben kein einseitiges Bild des geteilten Deutschlands entwirft, sondern sich sehr differenziert mit der östlichen Perspektive auf den Westen auseinandersetzt, inklusive aller Vorurteile und bar jeglicher auktorialer Wertungen. Während Dr. Blach, ein alter Freund der nach Westen ausgewanderten und in den Jahrestagen zur Hauptfigur erhobenen Gesine Cresspahl eher dem regimekritischen Lager zuzuordnen ist, scheint Jakob Abs in dieser Hinsicht offen zu sein: Schließlich kehrt er nach seinem von der Stasi in Form von Herrn Rohlfs genehmigten Besuch bei Gesine in den Osten zurück, da er von den westlichen Formen der Höflichkeit bitter enttäuscht wird.

Am Ende bleiben nur Mutmaßungen

Konsequent ist Uwe Johnsons Roman aber auch, weil der Text seinen Titel bestürzend ernst nimmt. Am Ende bleibt es aufgrund des Fehlens einer allwissenden Instanz buchstäblich bei Mutmaßungen über Jakob und damit bei einem absolut folgerichtigen Ausstieg aus einem Erzählgeflecht, dessen unbestreitbare thematische Relevanz bisweilen im Stimmengewirr unterzugehen droht. Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass man für und nicht gegen den Leser schreiben sollte.