Günter Grass: Die Blechtrommel

Die Blechtrommel inmitten von Pfeifen. Das hätte sicherlich auch Günter Grass gefallen.

Zugegeben: ich bin kein Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, kein Pfleger beobachtet mich, niemand befindet es für nötig, mich kaum aus dem Auge zu lassen. Und vielleicht bin ich Oskar Matzerath auch deshalb nie auf die Schliche gekommen: Er ist kein Heiliger und kein Teufel, auch wenn er sich sowohl Jesus als auch Satan nennt, er ist kein Zwerg und auch nicht normalwüchsig, obgleich er beides erprobt und er ist weder Odysseus noch der verlorene biblische Sohn, auch wenn er nach Anschluss an Bebras Theatertruppe von einer wahren Irrfahrt nach Danzig heimkehrt; denn Reue kennt er nicht.

Dass der blechtrommelnde Oskar zu den faszinierendsten Figuren gehört, die je die Welten zwischen zwei Buchdeckeln bevölkert haben, liegt auch an dieser Ungreifbarkeit. Sie verbindet sich in seinem Charakter – die eingangs bemühten Vergleiche legen Zeugnis davon ab – mit einem unbedingten Geltungsanspruch, dem nur das Höchste oder Tiefste, in jedem Falle aber unmissverständlich Erhabene als Referenz dienen kann.

Das fasziniert und es mag auch erklären, warum ich ihn wie so viele Leser vor mir schon mehrfach durch seine turbulente und bisweilen fantastische Autobiographie begleitet habe, obwohl sich der Skandal der Blechtrommel heutzutage eher biedermeierlich ausnimmt; und das hätte Oskar gar nicht gefallen.

Unvergesslich sind unzählige Stellen des Romans, die Aufführung von Wagners Holländer beispielsweise, die jedem Kritiker des Komponisten Lachtränen in die Augen treiben dürfte, wenn Oskar – hier ganz in der Rolle des naiven Kindes – annimmt, der Sopran der Solistin sei Ausdruck des Schmerzes infolge der Blendung durch die Bühnenscheinwerfer.
Gleiches gilt für das ebenfalls kanonisch gewordene Bild von Oskars mutmaßlichem Vater, einem ebenso liebevollen Menschen wie unreflektierten Mitläufer der Nazis, der letztlich von den Russen aufgespürt wird und beim Versuch, sein Parteiabzeichen zu verschlucken, verstirbt.

Dies alles bricht sich mit einer Sprachgewalt im Rahmen eines derart virtuosen Spiels mit Bedeutungen und Sinnzusammenhängen Bahn, dass ich beim Lesen in einen Rausch gekommen bin, der mich alles andere vergessen ließ. Das Kapitel ‚Krippenspiel‘ mag als Beispiel dafür gelten:
Oskar wird von der Stäuberbande symbolisch in der Herz-Jesu-Kirche als Nachfolger Christi ins Amt gehoben, fällt jedoch dem Verrat eines Mädchens namens Luzie anheim, das nicht umsonst die weibliche Namensform des gefallenen Engels trägt und darüber hinaus als einziges Charakteristikum ein dreieckiges Gesicht zur Schau trägt. Dreieckig wie die weibliche Scham, womit Oskars zwiespältiges Verhältnis zum anderen Geschlecht umschrieben wäre, zeitgleich verknüpft wird mit dem Sündenfall, und so einmal mehr den Zwang nach Erhabenheit in seiner Selbstbeschreibung illustriert. Das ist wahre poetische (Ver)Dichtung auf engstem Raum.

Bei jeder noch so nachvollziehbaren Kritik an Günter Grass politischem und auch literarischem Engagement ist mir bei erneuter Lektüre der Blechtrommel schmerzlich bewusst geworden, dass die Welt am 13. April 2015 einen unfassbar Großen verloren hat. Das Buch ist ein Wahnsinnswerk und wird, wie auch Katz und Maus und vor allem Hundejahreauf ewig einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal und in meinem Herzen behalten.