Anlass zu Kulturpessimismus

Wasser auf die Mühlen der Kulturpessimisten oder aber Anlass zur Freude über die progressive Auslegung des orthographischen Regelwerks? Entscheiden Sie selbst!

Die Arbeit am kulturellen Erbe wandelt mitunter auf verschlungenen Pfaden und gebiert nicht selten Metamorphosen, die selbst Ovids Imagination in ihre Schranken gewiesen hätten. Das sei eine Vergewaltigung der Tradition, schallt es dann stets aus dem Lager der konservativen Kulturpessimisten, von denen es in Deutschland bekanntermaßen einige gibt. Weg mit den alten Schinken, die in der heutigen Lebensrealität ohnehin keine Daseinsberechtigung mehr haben, lautet dagegen die Fanfare der selbsternannten Progressiven, die sich mit der Tradition und ihren Anforderungen nicht befassen wollen oder – können!? Beide Meinungen gehen dabei ins Leere, denn die Frage ist schlichtweg falsch gestellt.

Von leuchtenden Vampiren und romantischen Werwölfen

Kurt Barlow

Hier die hässliche Version des Vampirs in Form Kurt Barlows… (Quelle: wiki.stephen-king.de)

Vor einiger Zeit war die kleine Schwester meiner Frau bei uns zu Besuch und schlug als Abendprogramm einen Vampirfilm vor. Da ich diesem Genre durchaus zugetan bin, begab ich mich zur Videothek und entlieh dort eine der Adaptionen des Stephen King-Romans Brennen muss Salem. In der Gestaltung von Handlung und Figuren ist dieses Werk ganz dem klassisch-stokerschen Bild des blutsaugenden Grafen verpflichtet, weshalb es nicht verwundert, dass es als Arbeitstitel den Namen The Second Coming trug. Lange Rede, kurzer Sinn: Unser Gast war erschüttert ob der Reaktion der Spitzzähne auf Sonnenbestrahlung – unter offenbar qualvollen Schmerzen hauchten sie ihren letzten Atem aus, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob eine derartige Formulierung im Falle des (erneuten) Ablebens von Untoten angebracht ist. Die Verwunderung über das Inkrafttreten dieses fiktionalen Grundgesetzes verwunderte wiederum mich, der ich durch Graf Dracula und seine Abkömmlinge vorgeprägt war und bin. Hier lag offensichtlich ein Generationenkonflikt vor: Während meine Schwägerin, wie sich herausstellte, ihre Sozialisation durch die Twilight-Romane erfahren hatte und damit der Vorstellung von zumindest weitgehend menschenfreundlichen, im Sonnenlicht glitzernden Vampiren aufsaß, verband ich bis zu diesem Zeitpunkt lediglich negative Eigenschaften mit den Geschöpfen der Nacht.

Edward Cullen

…hier die attraktive Version des netten Blutsaugers in Form des glitzernden Edward Cullen. (Quelle: germantwilighters.blogspot.com)

Das Entscheidende: Jedem von uns beiden erschien die bislang unbekannte Variante als Ableitung. Für mich waren Bella und Edward stark modernisierte Versionen von Dracula und Mina, oder – um bei Brennen muss Salem zu bleiben – von Kurt Barlow und Susan Norton. Für sie jedoch ergab sich das Profil der Letztgenannten lediglich aus der Differenz zu den Vampiren Stephenie Meyers.

Viele Wege ins Inferno

Luzifer verspeist Judas, Brutus und Cassius

Der dreiköpfige Luzifer verspeist im neunten Kreis der Hölle die Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Quelle: de.m.wikipedia.org)

Jetzt ist es wieder geschehen: Ein erfolgreicher Autor, in diesem Falle Dan Brown, hat ein Buch geschrieben, in diesem Falle das jüngst erschienene Inferno, das von einem anderen Buch handelt, in diesem Falle Dantes Göttlicher Komödie, deren erster Teil – Überraschung – Inferno heißt und von des Dichters Pfad durch die Untiefen der Hölle berichtet. Dies ist nicht nur hochinteressanter Stoff für eine transtextuell ausgerichtete Literaturwissenschaft, es ist ebenfalls wieder einmal ein Musterbeispiel für die Anverwandlung des kulturellen Erbes und damit potentieller Stein des Anstoßes für die einleitend vorgestellten Parteien.

Denn wieder wird es Leute geben, die Die göttliche Komödie lediglich über Dan Brown kennenlernen, sofern sie nicht zur spielenden Fraktion gehören und Luzifer zuvor bereits virtuell in Dante’s Inferno bezwungen haben. Man sieht: Die Faszination an diesem genuin mittelalterlichen Stoff ist ungebrochen, wobei die Frage nach dem Warum eine anspruchsvolle sein dürfte. Denn sicherlich eignet sich Dantes Höllenritt als Vorlage für literarische bzw. digitale Bearbeitungen wesentlich besser als dessen Weg durch das Purgatorium und das Paradies. Satan lässt sich schließlich auch in unserer weitgehend säkularisierten Welt bestens verkaufen.

Ein starrer Begriff für ein bewegliches Phänomen

Wie aber sind nun Phänomene der oben geschilderten Art zu beurteilen? Sind sie tatsächlich Zeichen eines Kulturverfalls, eines Desinteresses an der Tradition, oder – im schlimmsten Falle – Ergebnis einer gerade von älteren Semestern gerne ins argumentative Feld geführten kognitiven Regression? Ich meine: Nein. Die Frage ist – wie einleitend geschrieben – falsch gestellt, denn die Perfidie des Kulturbegriffs liegt in seiner starren Referentialisierung eines höchst flüchtigen Gegenstands. Die Analyse kultureller Errungenschaften zieht aber ihren Reiz gerade aus der Beweglichkeit ihres Objekts. Stoffe mögen sich erhalten, Erzählungen fortleben, aber Überdauerung fordert Veränderung. So sehr die fortschreitende Digitalisierung und Kommerzialisierung der Welt die Anforderungen an unsere Aufnahmefähigkeit auch verändern mag: Sie führt zu neuen Konfigurationen, die nicht schlechter, sondern anders sein mögen. Und wer weiß: Vielleicht ist dem einen oder anderen die Lektüre von Twilight oder Inferno Anlass genug, sich auch einmal mit Bram Stoker und Dante Alighieri zu beschäftigen?