Was kann die deutsche Gegenwartsliteratur?

Maxim Biller hat scharf geschossen in seinem Artikel von 20. Februar in der ‚ZEIT‘. Dort konstatiert er:

Die deutsche Literatur ist wie der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.

Biller selbst geht es offensichtlich nicht gut mit der deutschen Gegenwartsliteratur, mit deren Trends und deren Preisen: Zu eingebürgert sei das alles, zu sehr durchdrungen von einem ‚Pass-Dich-lieber-an‘-Rassismus, den er ganz explizit als Nazi-Erbe brandmarkt. Er appelliert an alle nicht deutschen und dennoch Deutsch schreibenden Schriftsteller, denjenigen Raum poetisch zu nutzen, der sich ihnen durch ihre spezifische Situation der Nicht-Zugehörigkeit eröffne; Homi Bhabha lässt grüßen.


Es folgt die Anweisung:

Wir müssen aufhören, darüber nachzudenken, was wir tun und schreiben sollten, damit wir Applaus kriegen, wir dürfen nie wieder den Shitstorm der deutschen Kulturvolksfront fürchten, wir müssen immer nur in den einfachsten Worten, die wir kennen, über die Menschen sprechen, wie sie wirklich sind, egal, ob ihre Großeltern aus Antalya, Moskau oder Pforzheim kommen, und wenn wir eine gute Idee haben, wie wir erzählerisch und essayistisch den trüben deutschen Bloß-nicht-auffallen-Konsens attackieren könnten, kann das auch nicht schaden. Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und der Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur.

Poesie und Wahrheit sind – wenn überhaupt – nur im übertragenen Sinne Synonyme, wie auch Jan Wiele in seiner Replik deutlich macht. Dort heißt es in Bezug auf den von Biller geforderten Zwang zur Einfachheit der Sprache:

sie [die schöne Literatur, W.S.] darf auch andere als nur die einfachsten Worte verwenden. Das genus humile mag ein interessantes Stilmittel sein, aber als einziges Register sollte man es der Literatur dann vielleicht doch nicht aufzwingen – es sei denn, man verfolgt eine klare Agenda, die Literatur als Politik mit anderen Mitteln betrachtet.

Genau das – Politik im poetischen Koordinatensystem – sollte Literatur nicht ausschließlich sein. Sie ist es ohnehin in Teilen, da sie zwangsweise vor einem sozio-kulturellen Hintergrund entsteht, dessen Spuren sie – wie chiffriert auch immer – aufnimmt.

Ungeachtet aller Appelle Billers erscheint es recht seltsam, dass er ausgerechnet die jüdischen Schriftsteller als Erneuerer der deutschen Literatur (was soll das überhaupt sein?) anführt, die sich eben einer ganz klaren, ganz eindeutigen Sprache bedienten: Auf Canetti mag das zutreffen, auf Kafka möglicherweise auch. Ganz bestimmt aber nicht auf den Großteil derjenigen Autoren, die im damaligen Prager Zirkel zusammenkamen. Jeder, der einmal ein Werk Max Brods zur Hand genommen hat, weiß, was ich meine.

Sicher ist: Die Debatte um die Qualität zeitgenössischer Kunst wird nie zu einem Ende kommen. Sie ist noch nicht einmal Signum eines wie auch immer gearteten Kulturpessimismus, sondern speist sich aus einer Unsicherheit gegenüber dem nackten und (noch) geschichtslosen Werk. Sicher ist aber auch: Es gibt massenweise gute Literatur, auch unangepasste Literatur. Wenn Biller schon Navid Kermani aufs Abstellgleis hoffnungsloser Einbürgerung abschiebt, kann er damit doch nicht einen Roman wie Dein Name meinen. Zu finden ist solche Literatur für gewöhnlich aber nicht in den Spiegel-Bestsellerlisten und auch nicht in der Auslage der großen Buchhandelsketten. Das war immer so und wird immer so bleiben.

Sibylle Lewitscharoff hält eine Rede im Schauspielhaus Dresden

Das ist erst einmal nicht besonders spektakulär. Spektakulär allerdings war, was die Büchner-Preisträgerin zu sagen hatte. Sie wandte sich in Ihrer Rede im Schauspielhaus Dresden nämlich gegen die Reproduktionsmedizin und versteifte sich in einer mehr als unglücklichen Formulierung zur Aussage, auf diese Art entstandene Kinder seien

zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.

Wer die ganze Rede nachlesen möchte, kann das auf den Seiten des Schauspielhauses tun. Verständlicherweise stieß ihr tatsächlich ultrakonservatives christliches Menschenbild auf wenig Gegenliebe, zumal sie es sich nehmen ließ, auch gleich ziemlich scharf gegen die Onanie zu schießen. Zumindest letztere Aussage nahm sie in einem Interview mit der FAZ halbherzig zurück.

Von der Persönlichkeit auf das Werk zu schließen, liegt in diesem Falle nahe, es wäre aber verfehlt. Wie schon im Tagesspiegel berichtet, ist die Geistesgeschichte voller Persönlichkeiten, die sich politisch besser zurückgehalten hätten. Besser macht es die ganze Angelegenheit nicht und ein bitterer Beigeschmack bleibt ohne Frage.

Preis der Leipziger Buchmesse für Saša Stanišić

Der bosnische Schriftsteller Saša Stanišić erhält in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Ausgezeichnet wurde er für seinen Roman Vor dem Fest. Wäre es nach dem Publikum gegangen, hätte allerdings Fabian Hischmann den Preis für sein Debüt Am Ende schmeißen wir mit Gold bekommen. Dieser konnte sich mit 43,37 Prozent der Stimmen in einem Online-Voting gegen seinen Kollegen Stanišić durchsetzen, der seinerseits 25,84 Prozent erhielt.