Der Proceß und Das Schloß in der Yanus Ausgabe

Der Proceß und Das Schloß in der Yanus Ausgabe

Die Kalenderwoche 22 (kann sich das eigentlich irgendwer merken?) ist vorbei und es ist viel geschehen in der weiten Welt der Literatur. Zeit demnach für einen kleinen Rückblick und die Rekapitulation der wichtigsten Ereignisse.

Mögliche Wende im Falle Suhrkamp

Der Streit um den Suhrkamp Verlag bewegt sich inzwischen in derart absurden Sphären, er böte Stoff für einen eigenen Roman. Nun sind in der 22. Kalenderwoche gleich zwei entscheidende Dinge passiert.

Suhrkamp-Geschäftsführung leitet Schutzschirmverfahren ein

Erstens hat die Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die als Mehrheitsgesellschafterin 61 Prozent der Anteile aus der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung hält, zusammen mit dem Verlag ein Schutzschirmverfahren eingeleitet. Diese besondere Form der Insolvenz sichert die Handlungsfähigkeit des Verlags, unterbindet jedoch jegliche Form der Gewinnausschüttung. Das wiederum könnte problematisch werden für den anderen Anteilseigner Hans Barlach, der seit Jahren in heftigem Streit mit Unseld-Berkéwicz liegt. Dessen Anspruch auf Gewinnausschüttungen in Höhe von rund 2,2 Millionen Euro fällt nun erst einmal weg, die Geschäftsführung wird ab sofort durch den Sachwalter Rolf Rattunde kontrolliert. Darüber hinaus sieht das Verfahren die zwingende Bildung eines Gläubigerausschusses vor, der aus allen Personen mit finanziellen Ansprüchen an Suhrkamp gebildet wird. Dieser Ausschuss hat die Möglichkeit, das Unternehmen auch gegen den Willen Barlachs neu zu strukturieren; zumindest auf dem Papier.

Barlach zu Millionenzahlung in der Schweiz verurteilt

Zweitens ist kürzlich bekannt geworden, dass Barlach in der Schweiz bereits am 7. Mai zu einer Zahlung von fünf Millionen Franken verurteilt worden ist. Gegenstand ist auch hier der Suhrkamp Verlag, genauer: Die Minderheitenbeteiligung von 39 Prozent, die bis 2006 im Besitz des Unternehmers Andreas Reinhart war und die Barlach mit seinem damaligen und inzwischen verstorbenen Geschäftspartner Claus Grossner erwarb. Grossner zahlte seine Anteile an der Übernahme nicht und Barlach blieb die Summe nach dessen Suizid 2010 ebenfalls schuldig. Daraufhin wurde er von Reinhart verklagt, der nun recht bekam. Dies könnte Barlach dazu bringen, seine 39 Prozent am Verlag zu Geld zu machen, was den Streitigkeiten der Anteilseigner eine neue Qualität und möglicherweise eine neue Richtung geben könnte.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich gerne die Filmrechte an dem Stoff erwerben würde? Wobei: Bei einer derartigen Rechtsökonomie wäre wohl bis schätzungsweise 2080 nichts entschieden…

Ist Literaturkritik im Netz überhaupt noch möglich?

Diese Frage stellt sich Volker Weidemann am 30. Mai in der Online-Ausgabe der FAZ und strickt daraus einen der unterhaltsamsten und trotz aller Polemik treffendsten Texte, die mir jemals im Feuilleton unter die Augen gekommen sind. Seine Aufforderung, das Internet nicht für die Ökonomisierung des Geistes verantwortlich zu machen, sondern es als das zu begreifen, was es ist, nämlich als eine besonders offene Plattform „für kritisch-analytische Kompetenz“, war längst überfällig. Schlechte Texte hätte auch schon in den Druckausgaben der Zeitungen niemand lesen mögen; dank der Tracking Tools wie Google Analytics sei es nun jedoch ein Kinderspiel, genau zu messen, wann und vor allem wo jemand abgesprungen ist. Dies solle die Literaturkritik als Anregung begreifen, um wieder so leserorientiert und modern zu werden, wie sie einst war. Recht hat er, der gute Mann und wenn es unter den hierzulande geistig Tätigen nicht rückwärtsgewandter Usus wäre, in allem Neuen erst einmal Zeichen des nahenden Kulturzerfalls zu sehen, könnte Deutschland vielleicht sogar in wissenschaftlicher Hinsicht international konkurrenzfähig werden.

Der Proceß und Das Schloß bei Yanus erschienen

Und zuletzt noch ein bisschen Werbung in eigener Sache. Ebenfalls in dieser Woche erschienen sind Band zwei (Der Proceß) und Band drei (Das Schloß) der neuen Kafka-Ausgabe im Hamburger Yanus Verlag. Sicher: Editionen der Werke des Prager Autors gibt es mittlerweile in großer Anzahl, neu und einzigartig ist hier aber die Kombination von Druck- und E-Book-Version im so genannten Tandem-Buch. Mit dem Erwerb des Druckwerks erhält der Leser einen persönlichen Freischaltcode, der einen Download für alle gängigen Reader ermöglicht. Ich schrieb von Werbung in eigener Sache: Herausgegeben wird die Kafka-Ausgabe in aller Bescheidenheit von mir selbst, inkl. Nachwort, Stellenkommentar und biographischer Skizze. Wer also Kafkas Werke noch nicht kennt und eine kostengünstige, gleichwohl zitierfähige Ausgabe auch im E-Book-Format sucht, darf sich ebenso angesprochen fühlen wie derjenige, der Kafka einfach noch einmal neu erleben möchte. In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende und anregende Lektüren!