Seite an Seite mit der Menschengattung geht eine andere Gattung einher, die Unmenschlichen, die Gattung der Künstler, die, von unbekannten Impulsen getrieben, die leblose Masse der Menschheit hernehmen und diesen trägen Brei mit dem Fieber und dem Ferment, mit denen sie ihn durchtränken, in Brot und das Brot in Wein und den Wein in Gesang verwandeln. (317)

Henry Miller

Henry Miller

Der Künstler als lebenshungriger Unmensch; das ist philosophischer Dreh- und Angelpunkt im Wendekreis des Krebses, dem wohl bekanntesten Roman Henry Millers. Er ist Nährboden für alle Diskurse des Textes, er allein bestimmt deren ‚mikro‘-epistemische Konfiguration: Sex, Drogen, Alkohol, Krankheit, Reichtum und Armut sind lediglich die Spielplätze im grundsätzlich selbstreferentiellen Koordinatensystem der poetischen Hybris.

 

Wider die Ideen | Apologie der Physis

Ich habe mit mir einen stillschweigenden Vertrag abgeschlossen, von dem, was ich schreibe, keine Zeile zu ändern. […] Nur eines interessiert mich nun wesentlich, nämlich alles das aufzuzeichnen, was in Büchern weggelassen wird. Niemand macht, soweit ich sehen kann, Gebrauch von den in der Luft liegenden Elementen, die unserem Leben Richtung und Antrieb verleihen. (25)

Auch dieses Zitat ist Programm, denn Miller schreibt gegen die vergeistigte Welt der Ideen und für das Leben. Anders als bei Hesses Josef Knecht müssen dabei notwendigerweise Dinge wie Moral und Sittlichkeit auf der Strecke bleiben:

Ich habe Gott gefunden, aber er ist unzulänglich. Ich bin nur geistig tot. Körperlich bin ich lebendig. Moralisch bin ich frei. Die Welt, die ich verlassen habe, ist ein Zwinger. Die Dämmerung bricht an über einer neuen Welt, einer Dschungelwelt, in der die mageren Geister mit scharfen Klauen umherstreifen. Wenn ich eine Hyäne bin, so eine magere und hungrige: ich ziehe aus, um mich zu mästen… (130-131)

Aus diesem buchstäblichen Lebenshunger erklärt sich die poetische Notwendigkeit einer ungeschönten Darstellung aller Formen menschlicher Existenz. Es verwundert daher nicht, dass im Wendekreis des Krebses Erhabenheit und Vulgarität unverbunden und gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Dieses Oxymoron ist der wahre Skandal des Romans, nicht etwa die omnipräsente Sexualität, wie beispielsweise in einem Bericht des Deutschlandradios Kultur zur Hörbuchfassung Gottfried von Einems behauptet wird. Marquis de Sades Justine entstand 147 Jahre vor Millers Roman, sie ist in allen Belangen wesentlich expliziter, und auch Miller selbst hat sich – etwa in Stille Tage in Clichy oder auch Sexus – wesentlich weiter hinein gewagt in die Sprachlichkeit der Pornographie.

Wie das Leben beschreiben?

Henry Miller: Im Wendekreis des Krebses

Henry Miller: Im Wendekreis des Krebses

Das große Problem des Textes ist daher auch nicht die grundsätzlich unsympathische und stark autobiographisch angelegte Figur des Erzählers, für den Frauen lediglich der Beschlafung dienende ‚Pritschen‘ sind und der für Sex und Rauschmittel vorbehaltlos jeden Kamerad ans Messer liefern würde. Dies ist im Sinne des geschilderten Programms sogar bewundernswert konsequent.

Das Problem ist die Aporie des Programms selbst: Schrift ist notwendige Reflexion, Schreiben ist daher eo ipso Mittelbarkeit und Mittelbarkeit ist ungleich Unmittelbarkeit. Das Medium verunmöglicht die Verwirklichung der ‚Lebens‘-Philosophie, denn es ist selbst Idee. Und zwar genau solch eine Idee, deren Art der Roman umzustürzen sich vorgenommen hatte. Hier beißt sich die Katze sprichwörtlich in den eigenen Schwanz, denn Philosophie gegen Philosophie bleibt eben doch Philosophie.

Sprachgewalt, Psychologie und Palimpsest

Diesem Widerspruch zum Trotz ist Millers Wendekreis des Krebses eine faszinierende Lektüre. Allein die staccatohafte Syntax und die sich gegenseitig überbietenden Metaphern im dreizehnten Abschnitt erzeugen einen unwiderstehlichen Sog, dessen Sprachgewalt bisweilen die Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn einzureißen scheint.

Auf eben diesem Grat bewegt sich auch ein Großteil der Figuren des Romans, stets schwankend zwischen vollkommener Glückseligkeit und abgrundtiefer Verzweiflung. Psychologisch gesehen knüpft Miller damit an Dostojewskis komplexe Figurenzeichnungen an, nicht umsonst bezieht sich der Wendekreis des Krebses mehrfach auf den russischen Schriftsteller.

Somit gerät Millers Werk auch zu einem literarischen Palimpsest, das munter Werke anderer Schriftsteller zitiert und damit reichlichen Anlass gibt, sich auf intertextueller Ebene näher mit dem Roman auseinanderzusetzen. Einem Roman mit ‚allen Ecken und Kanten des Lebens‘, wie von Jaromir Konecny in einem wundervollen Artikel formuliert? Meines Erachtens eher nicht: Ein gutes Buch aber in jedem Falle und durchaus eine Empfehlung für alle Neulinge im millerschen Kosmos.