Günter Grass Hundejahre

Günter Grass: Vier Hunde (Quelle: grass-haus.de)

Nach der Blechtrommel und Katz und Maus schickten sich die Hundejahre von Günter Grass an, einen Schlussstrich unter die so genannte ‚Danziger Trilogie‘ zu ziehen. Ob das nun sachlich richtig ist – schließlich verschafft sich die polnische Stadt in einer Vielzahl seiner Texte Gehör – sei dahingestellt. Meiner Meinung nach unstrittig ist hingegen die literarische Qualität des durchaus sperrigen Werks, das gerade in Anbetracht der derzeit geführten Asyldebatte auch heute noch eine Menge mitzuteilen hat.

Von Menschen und Vogelscheuchen

Die Handlung der Hundejahre bestimmt, ganz ähnlich der Konstellation in Katz und Maus, die ambivalente Beziehung zweier Figuren zueinander.
Die eine ist Eduard Amsel, dicklich, jüdischer Abstammung, mit einem künstlerischen Talent gesegnet, das demjenigen Oskar Matzeraths vergleichbar ist: Seine skurrilen Vogelscheuchen haben auf Gefieder gleich welcher Provenienz einen ähnlich durchschlagenden Effekt wie Oskars Trommel und Stimme auf Mensch und Glas.
Die andere ist Walter Matern, vernarrt in Heidegger, unentschieden schwankend zwischen Antifaschismus, SA-Zugehörigkeit und Demokratie, in der gemeinsamen Kindheit die schützende Hand über Amsels Außenseiternatur.

Auf den Hund gekommen

<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:German_Shepherd_Dog_black_sitting.jpg#/media/File:German_Shepherd_Dog_black_sitting.jpg">German Shepherd Dog black sitting</a>“ von Flickr user <a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.flickr.com/people/audreyjm529/">audreyjm529</a> - Flickr <a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.flickr.com/photos/audreyjm529/213989672/">here</a>. Lizenziert unter <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0" title="Creative Commons Attribution 2.0">CC BY 2.0</a> über <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/">Wikimedia Commons</a>.

Das könnte Pluto sein.

Die Handlung erstreckt sich im Rahmen dreier Bücher verschiedener Erzähler über den Zeitraum zwischen Vorabend und unmittelbaren Nachwehen des Zweiten Weltkriegs. Zusammengehalten wird sie von einem Schäferhund namens Prinz, später: Pluto, der zunächst Hitler gehört und dann Matern selbst. Nicht umsonst heißt es zu Beginn der ‚Materniaden‘, des dritten Buchs:

Der Hund steht zentral.

Es ist ein genialer Kunstgriff von Grass, die Rassenideologie der Nazis mithilfe des in schier unendlichen Wiederholungen vorgetragenen Stammbaums eines Hundes zu persiflieren.

Flickenteppich oder großes Ganzes?

Enzensberger hat den Hundejahren in seiner ebenso lesenswerten wie vielzitierten Kritik vorgeworfen, den Mangel an einer tragenden Figur könne auch der Hund nicht aufwiegen. Die Nähte des Buches seien daher jederzeit sichtbar, trotz aller sprachlichen Brillanz.

Das stimmt ohne Frage, aber es macht für mich auch den ganz besonderen Reiz des Textes aus, denn im Leben der auftretenden Figuren ist mitnichten alles wohlgeordnet und unsichtbar vernäht. Es ist viel Bruchstückhaftes, Widersprüchliches und Hässliches dabei, Narbengewebe mitunter, denn nicht nur Materns bereits erwähnte Unentschiedenheit torpediert immer wieder einen in sich geschlossenen Lebensentwurf. Auch und vielleicht gerade Amsel möchte sich gar nicht so recht einordnen lassen und kann deshalb am Ende des Romans, nicht ohne bittere Botschaft, behaupten, die Deutschen trotz ihrer Gräueltaten an seinem Volk zu lieben:

Ach, wie sind sie geheimnisvoll und erfüllt von gottwohlgefälliger Vergeßlichkeit! So kochen sie ihr Erbsensüppchen auf blauen Gasflammen und denken sich nichts dabei. Zudem werden nirgendwo auf der Welt so braune und so sämige Mehlsoßen zubereitet wie hierzulande.

Dieser Satz legt den Finger in die Wunde, er schmerzt umso mehr, hält man sich als Leser die von tragreicher Vergesslichkeit geprägte und ungeheuerliche Debatte um den derzeitigen Flüchtlingsstrom  vor Augen. Brutal weggewischt wurde er, der Glaube, dass in Deutschland nach ’45 salonfähiges rechtsgerichtetes Gedankengut keinen Raum mehr habe. Darum ist Hundejahre ungeachtet der überbordenden erzählerischen Raffinesse ein enorm wichtiges Buch voll inhaltlicher Sprengkraft. Eine besondere Leseempfehlung sei daher vor allen Dingen denjenigen ausgesprochen, die heutzutage die eigene Integrität auf Kosten des notfalls gewaltsamen Ausschlusses aller anderen zu erkaufen versuchen. Dass eine solche Haltung letztlich nur Verlierer hervorbringt, kann in den Hundejahren nachgelesen werden.