Frank Herbert - Der Herr des Wüstenplaneten

Der Herr des Wüstenplaneten ist der zweite Teil aus Frank Herberts wohl bekanntestem Science-Fiction-Zyklus. Überraschenderweise funktioniert er vollkommen anders als Der Wüstenplanet selbst, indem er die äußerliche Handlung zugunsten philosophisch-existentieller Reflexionen zurückstellt und sich nicht davor scheut, seinen potentiellen Helden zu demontieren.

Paul Atreides: Der ohnmächtige Machthaber

Das Buch spielt zwölf Jahre nach dem ersten Band und schließt chronologisch an Pauls Sieg über die Harkonnen an. Er schwingt sich zum uneingeschränkten Herrscher eines intergalaktischen Imperiums auf und legt im lebensfeindlichen Arrakis den Grundstein für eine neue Ökologie.

Gleichwohl macht ihn dies mitnichten zum strahlenden Erlöser: Vielmehr steht Pauls Regentschaft sinnbildlich für die absolute Ohnmacht des uneingeschränkt Mächtigen, manifestiert in der durch die Bene Gesserit überlieferten Sentenz:

Macht bringt Verwundbarkeit durch größere Mächte.

Der von Paul initiierte blutige Djihad verselbstständigt sich zusehends, er sieht sich gefangen in einem Netz aus Anbetung und Intrigen, angeführt von einer Verschwörergruppe um seine Frau Irulan, die Tochter Shaddams IV.

Darüber hinaus sind auch seine Zukunftsvisionen unsteten Charakters, das ihnen innewohnende Machtpotential zwingt ihm eine Form der Passivität auf, die er Stilgar, seinem engsten Vertrauten unter den Fremen, folgendermaßen zu erklären versucht:

Solche Gaben können nicht aus einer Haltung heraus angewendet werden, die Ziele und Zwecke vorschreibt. […] Im Orakel gibt es nicht Ursache und Wirkung.

Die Selbstständigkeit des Mythos

Ein derartiges Orakel ist Segen und Fluch gleichermaßen, erlaubt es doch Einblicke in die Zukunft, die nur von Zeit zu Zeit zu einem korrigierenden Eingriff in die Geschehnisse befähigen.

Für Paul, das macht der Roman zweifelsfrei klar, gibt es kein Entkommen. Sein Mythos ist stärker als seine physische Gegenwart und so nimmt es denn auch nicht Wunder, dass niemand am Ende versucht, ihn von seinem selbstgewählten Weg ins Exil abzuhalten. Dennoch entlässt Herbert seine Leser nicht ohne einen Hoffnungsschimmer aus seiner Dystopie: In den beiden Kindern Pauls lebt die Aussicht auf eine positive Veränderung der intergalaktischen Ordnung weiter.

Ein kleiner Nachtrag zum Thema Genetik

In meiner Besprechung des ersten Bandes habe ich das Konzept des Kwisatz Haderach kritisiert, da es den Anschein hatte, als propagierte es genetische Selektion als probates Mittel zur Tilgung alles Bösen. Pauls tiefer Fall in Der Herr des Wüstenplaneten macht jedoch gerade das Scheitern dieser Selektion deutlich, die letztlich noch mehr Schlechtes hervorbringt als es ungesteuertes organisches Wachstum je könnte. Das literarische Universum rund um Arrakis ist eben doch komplexer als es zunächst den Anschein hat und dieser zweite Band gehört definitiv zu den klügsten und packendsten Science-Fiction-Romanen, die ich je gelesen habe.