Wilko Steffens

Mein Literaturblog: Alles rund ums Gedruckte

Der Feldhüter: Gewalt und Sprache

Cormac McCarthy: Der Feldhüter

Der Feldhüter erzählt keine in sich geschlossene Geschichte. Im Kern geht es um die Beziehung dreier Figuren zueinander: Zunächst ist da der Schnapsschmuggler Marion Sylder, der in Notwehr einen Mann getötet hat. Nach einem Autounfall wird Sylder von dem Sohn des Toten gerettet, ohne dass beide wissen, mit wem sie es zu tun haben. Die dritte Figur im Bunde ist Arthur Ownby, der titelgebende Feldhüter. Der kauzige Eremit wacht über die Leiche, die Sylder in einer Mischgrube versenkt hat.

Mensch und Natur

Der Handlungsverzicht bedeutet eine besondere Herausforderung für den Leser, der Geduld aufbringen muss, um sich in dem sperrigen Erstling von Cormac McCarthy zurechtzufinden. Ein mögliches Koordinatensystem bietet die dichotomische Struktur des Textes, die sich zunächst im Aufeinandertreffen von Mensch und Natur manifestiert. Der Ohnmacht des einen steht die Übermacht der anderen gegenüber, nicht zufällig beginnt und endet der Roman buchstäblich im Staub.

Hoffnung und Vergänglichkeit

Der Ausgang steht von Beginn an fest: Der Staub bleibt, der Mensch vergeht. Sicherlich ist McCarthy zu keinem Schaffenszeitpunkt ein erbauender Autor: Die unausweichliche Vergänglichkeit allen Seins verdankt ihre brutale Unmittelbarkeit im Feldhüter jedoch einem vollständigen Verzicht auf eine Hoffnung, die sich selbst in der Straße immer wieder Bahn bricht. Am Ende kehrt der junge Rattner, der Sohn des Toten, seiner mittlerweile entvölkerten Heimat den Rücken:

Nun sind sie fort. Geflohen, in Tod oder Exil verbannt, verloren, ungeschehen gemacht. Immer noch bewegen sich über dem Land Sonne und Wind, um die Bäume, die Gräser zu verbrennen, zu wiegen. Kein Avatar, kein Nachkomme, keine Spur dieser Menschen ist geblieben. Auf den Lippen des fremden Geschlechts, das jetzt dort wohnt, sind ihre Namen Mythos, Legende, Staub.

Gewalt und Sprache

Gewalt ist allgegenwärtig, bei McCarthy und im Feldhüter ohnehin. Die Tötung des alten Rattner ist schonungslos, sie ist ausufernd und in ihrer anteilnahmslosen Beschreibung kalt und berechnend. Ihr gegenüber steht die lyrische Beobachtung der Natur, sprachlich überbordend, voller unverbrauchter Metaphern, ebenso betörend wie mitreißend:

Die Sonne brach durch die letzte Wolkenschicht und tauchte die tropfenden Bäume einen Moment lang in Blut, färbte die Steine mit durchscheinender Farbe, als hätte sich die Luft selbst in Wein verwandelt. Er schlüpfte durch die Lücke im Zaun, […] während der Regen noch immer sanft herabnieselte und die sich verdunkelnden Vorberge den Tag abzogen, heraldisch, mit Flammen bewimpelt, die Schatten der fliehenden Lakaien sich im Gefolge der Sonne zerstreuend.

Es ist die mitreißende Sprache, McCarthys unnachahmliches Talent zur Verdichtung, das den Feldhüter trotz vorhandener inhaltlicher Brüche und bisweilen holzschnittartiger Figurenzeichnung zu einer lohnenswerten Lektüre macht. Als Einstieg in seine erzählten Welten empfiehlt es sich allerdings nicht.

Diese Rezension ist im Zusammenhang mit meinem Februar-Beitrag zum Jahr des Taschenbuchs entstanden. Die Übersichtsseite erreicht Ihr per Klick auf den Link.

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  1. Danke für die Besprechung, es ist der einzige Roman McCarthys, der noch ungelesen bei mir im Regal steht. Und nein, Erbauung kann man bei ihm nicht erwarten, dafür gibt er einem in fast allen Büchern die Chance zu einem eigenen Urteil über seine Figuren, liefert also keine moralische Sentenzen, keine Tendenzliteratur, sondern fordert den Leser zum Selbstdenken heraus.

    • Wilko Steffens

      Vielen Dank für Lektüre und Kommentar. Den Verzicht auf moralische Urteile und das Vermögen, die Figuren durch sich selbst und ihre Handlungen sprechen zu lassen, schätze ich an McCarthy auch sehr. Ich möchte das Buch unbedingt mit einigem Abstand erneut lesen und bin mir ziemlich sicher, dass es – gerade im Hinblick auf seine Komplexität – noch sehr viel mehr zur Entdeckung bereithält.

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