Im Verlauf der 11. Kalenderwoche mehrten sich Hinweise darauf, dass Google kurz vor der Implementierung eines neuen Panda-Updates, des nunmehr 25., stünde. Dies ist Grund genug, einmal über den Tellerrand zu schauen, um zu verstehen, was sich hinter der so putzig benannten Aktualisierung verbirgt und vor allem, was das Ganze mit Literatur und Texten zu tun hat.

Der Google-Algorithmus: Heiliger Gral aller SEOs

Mittlerweile dürfte es auch über die Grenzen der suchmaschinenoptimierenden Welt hinaus bekannt sein: Die von Google (und anderen Anbietern) ausgespielten Ergebnisse sind keinesfalls Resultat einer mehr oder weniger zufälligen Selektion aus dem zur Anfrage passenden Themenbereich. Sie folgen vielmehr einem komplexen Algorithmus, mit dessen Hilfe die vermeintlich hochwertigsten Seiten aus dem unüberschaubaren Angebot des World-Wide-Web herausgefiltert werden sollen. Das ist nicht weiter verwunderlich: Google möchte seine Nutzer selbstverständlich zufriedenstellen, damit diese auch bei der nächsten Anfrage auf den Suchmaschinenriesen vertrauen.

Doch wo ein Algorithmus, dort auch auch ein Mathematiker, oder, in diesem Falle besser: ein Seo. Seo steht für Search Engine Optimization bzw. Search Engine Optimizer und bezeichnet ganz allgemein die Summe aller Anstrengungen, eine bestimmte Website möglichst gut in den Suchergebnissen zu positionieren. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Optimierungen auf verschiedenen Ebenen notwendig, auf der technischen ebenso wie auf der inhaltlichen. Neben einer für die entsprechenden Bots möglichst vollständig und problemlos navigierbaren Seite spielt beim so genannten Ranking auch die Qualität der implementierten Texte eine große Rolle.

Das Panda-Update: Geschichte und Funktion

Das Panda-Update

(Quelle: http://www.smartfatblogger.in)

Und genau hier kommt das Panda-Update ins Spiel. Die derart benannte Aktualisierung des Algorithmus, erstmals ausgerollt im Februar 2011 und seither mehrfach modifiziert, war und ist darauf ausgelegt, Seiten mit minderwertigen Inhalten aus dem Index zu verbannen. Minderwertiger Inhalt bedeutet minderwertige Texte, da Google neben der Inkongruenz zwischen Suchanfrage und Ergebnis kaum etwas weniger mag als Websites, deren Content entweder keinen Mehrwert bietet oder auf zahlreichen anderen Seiten ebenfalls gefunden werden kann.

Beim Optimieren gilt es demnach, der googleschen Poetik zu folgen. Es reicht eben für einen Shop nicht mehr aus, einfach nur noch die nackten Daten der einzelnen Produkte aufzuführen, um zum Produktnamen gefunden zu werden. Es braucht an dieser Stelle einen entsprechenden Text, der durch das Nadelöhr hindurchmuss, auf der einen Seite den vermuteten Richtlinien des Algorithmus zu entsprechen, auf der anderen Seite jedoch angenehm lesbar zu sein. Denn, wir erinnern uns, Google ist darauf aus, den Nutzern die bestmöglichen Ergebnisse zu liefern. Daher optimiert der Seo auch nicht in erster Linie für Maschinen, sondern für Menschen.

Content-Optimierung als Spielplatz einer ganz eigenen Poetik

Versteht man Poetik im aristotelischen Sinne als gleichermaßen deskriptives wie präskriptives Set an Regeln zur Hervorbringung maßgeblicher (Dicht-)kunst, hat der alte Grieche mehr mit Suchmaschinenoptimierung am Hut als man meinen könnte. Die von Karl Kratz vorgeschlagene und in der Szene derzeit heiß diskutierte Termgewichtungs-Analyse, besser bekannt unter Ihrem Kürzel WDF*IDF, ist letztlich nichts anderes als eine Regelpoetik zur Erstellung gleichermaßen ästhetischer wie suchmaschinenkonformer Inhalte. Damit birgt sie allerdings auch die gleichen Risiken wie das Konzept des Aristoteles: Eine möglichst vollständige Unterwerfung des Textes unter ein theoretisches Paradigma ist grundsätzlich schlecht vereinbar mit den Anforderungen der Realität, die sich mit keiner Philosophie vollständig einfangen lässt. Das ist die ewige Aporie einer jeglichen Theorie, ihr genuiner blinder Fleck, wenn wir schon bei gesellschaftsphilosophischen Überlegungen angekommen sind.

Dennoch und vielleicht gerade deshalb ergibt sich hier, im Spannungsfeld zwischen Online-Marketing und Literaturwissenschaft, ein vollkommen neues Forschungsgebiet, das nicht nur einmal mehr die ökonomische und gesellschaftliche Relevanz der Beschäftigung mit (alten) Texten bestätigt, sondern auch die vermeintlich impermeable Grenze zwischen Wirtschaft und Geisteswissenschaft niederreißt. Der immer wieder gern bemühte Blick über den Tellerrand zahlt sich demnach beidseitig aus: Für den Literaturwissenschaftler mit einer Aufwertung der Gegenwart, für den Suchmaschinenoptimierer mit einer Rückbesinnung auf die Tradition. Denn eines ist sicher: Solange der Mensch existiert, existiert auch der Bedarf an guten Texten.