Trotz seines überbordenden Erfolgs kann einem Dan Brown bisweilen leid tun. Vom Feuilleton muss er sich regelmäßig vorhalten lassen, weit unter dem Niveau der Rezensenten zu schreiben. Dies ist auch bei Inferno nicht anders, seinem jüngsten Roman, dem mittlerweile vierten rund um die Figur des Harvard-Professors Robert Langdon. Der bekommt es dieses Mal mit den Folgen einer verblendeten Dante-Lektüre zu tun. Und wer Dan Brown kennt, weiß, dass einmal mehr das Schicksal der gesamten Menschheit auf dem Spiel steht.

Am Anfang war der Filmriss

Dan Brows Inferno und Dantes Die Göttliche Komödie

Die Frage indes bleibt: Was hat „Inferno“ mit der „Göttlichen Komödie“ gemein?

Inferno beginnt im Anschluss an einen kurzen Prolog mit einem Filmriss. Robert Langdon wacht mitten in Florenz in einem Krankenhaus auf. Offenbar ist er angeschossen worden, seine letzte Erinnerung liegt Tage zurück. Zeit zur Erholung bleibt freilich keine, denn kaum hat er die Augen geöffnet, findet er sich in einer wilden Schnitzeljagd wieder, deren Fäden bei Dantes berühmtestem Werk, der Göttlichen Komödie, zusammenlaufen.

Das nämlich hat der ebenso brillante wie verrückte Wissenschaftler Bertrand Zobrist sehr eigenwillig interpretiert. Als führender Transhumanist ist er der Überzeugung, die Menschheit müsse mithilfe von Wissenschaft und Technik alles dafür tun, um ihre eigenen Schwächen zu überwinden und letztlich unsterblich zu werden. Da dieser zweifelhafte Fortschritt durch das Problem der Überbevölkerung gehemmt wird, muss die Weltbevölkerung auf ein vermeintlich gesundes Maß zurückgestutzt werden.

Wo ist eigentlich Dante?

So weit, so gut. Die Handlung entwickelt sich nach dem bewährten Muster ‚Rätsel-Lösung-Flucht-Rätsel-Lösung-Flucht‘. Das funktioniert in Inferno über weite Strecken, wenn auch gerade zum Ende hin wirklich jedes kurze Kapitel mit einem mehr oder weniger gelungenen Paukenschlag endet. Subtil geht anders und am Ende habe ich mich ein wenig gefühlt, als hätte ich meinen Kopf in eine Waschmaschine gesteckt und auf schleudern geschaltet. Trotzdem ist der Roman spannend, hat ein paar überraschende Wendungen und spricht mit der Behandlung des Transhumanismus ein sehr wichtiges Thema an. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass auch Raymond Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, bekennender Transhumanist ist.

Was mich als Dante-Freund allerdings massiv stört, ist der unmotivierte und vollkommen oberflächliche Bezug zur Göttlichen Komödie. Zobrist hätte sie für seinen Plan überhaupt nicht gebraucht, mehr noch, sie passt nicht ansatzweise zu seinen Motiven. Er benutzt sie daher lediglich als Steinbruch für eine Schnitzeljagd durch Florenz, Venedig und Istanbul. Das ist schade, denn Dantes Werk hätte weit mehr leisten können. Gut ist immerhin, dass Inferno der Göttlichen Komödie einen ungeahnten Bekanntheitsschub beschert haben dürfte.

Himmel oder Hölle: Quo vadis, Inferno?

Trotz dieses nachlässigen Umgangs mit dem Referenztext und trotz der einen oder anderen Logikschwäche ist Inferno ein spannendes und unterhaltsames Buch. Es ist ein wenig so wie mit einem Essen bei McDonald’s: Die Verpackung – Templer, Freimaurer, Transhumanisten – mag von Zeit zu Zeit überarbeitet werden, am Inhalt ändert das nichts. Wer also Illuminati und Co. mochte, wird auch mit Inferno glücklich werden.  Wer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Dante erwartet, eher nicht. Aber das ist vielleicht eher ein Problem der Rezeptionshaltung.