Dass der erste Mai unter den Nationalsozialisten zum gesetzlichen Feiertag wurde, ist hinlänglich bekannt. Der nach der Göttin Maia benannte Monat ist jedoch in vielerlei Hinsicht mit einer der schwärzesten Episoden der Geschichtsschreibung verbunden. Denn am 10. Mai 1933, im Jahr der so genannten ‚Machtergreifung‘, wurden auf dem Opernplatz Berlins und in 21 anderen deutschen Universitätsstädten öffentliche Bücherverbrennungen durchgeführt. Diese richteten sich gegen jüdische und marxistische Autoren sowie Schriftsteller gleich welcher Provenienz, deren Werke mit der Idee eines wie auch immer gearteten ‚deutschen Geistes‘ nicht vereinbar waren. 2013 nähert sich der Jahrestag der Aktion zum 80. Mal. Zeit also für eine mahnende Erinnerung.

Historischer Ablauf der Bücherverbrennungen 1933

Die zwölf Thesen wider den undeutschen Geist

Die zwölf Thesen wider den undeutschen Geist

Treibende Kraft der Veranstaltung war die Deutsche Studentenschaft unter der Führung des damaligen Leiters des ‚Hauptamtes für Presse und Propaganda‘, Hans Karl Leistritz. Die ‚Aktion wider den undeutschen Geist‘, als deren Höhepunkt und Abschluss die Bücherverbrennungen initiiert wurden, nahm sich das Wartburgfest 1817 zum Vorbild und läutete die Übernahme der deutschen Universitäten durch die nationalsozialistischen Studentenschaften ein.

Die Aktion war bis ins kleinste Detail durchchoreographiert, an jedem der zahlreichen Standorte wurden Scheiterhaufen aufgeschichtet. Professoren der jeweiligen Universitäten fungierten als Redner, in Berlin übernahm diese Rolle Joseph Goebbels, ein promovierter Germanist. Vom damaligen Propagandaminister war die Bewegung denn auch ursprünglich ausgegangen: Bereits im Frühjahr 1933 hatten Aktionen gegen ausgewählte Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler begonnen.

Um der Bücherverbrennung einen rituellen Charakter zu verleihen, versendete Leistritz im Vorfeld zusammen mit dem NS-Funktionär Gerhard Krüger so genannte ‚Feuersprüche‘, die verlesen werden sollten, während Mitglieder der Studentenschaften die verfehmten Werke in die Flammen warfen.

Die betroffenen Autoren

Eine vollständige Liste der betroffenen Autoren findet sich bei wikipedia.de. Darunter sind prominente Namen wie Walter Benjamin, der sich – so zumindest die kontrovers diskutierte Überlieferung – 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm. Auch die Bücher Sigmund Freuds, Franz Kafkas, Heinrich und Klaus Manns, Erich Kästners und Robert Musils wurden nicht verschont; Kästner war in Berlin gar Zeuge der Verbrennung seiner eigenen Werke, ihm wurde ein gesonderter Feuerspruch zuteil:

Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

Nachwirkung und Erinnerung

Lösten die Bücherverbrennungen 1933 vor allem in der deutschen Presse zunächst wahre Begeisterungsstürme aus, wird heute vor allem das folgende Zitat Heinrich Heines mit diesem Kapitel der Geschichte in Verbindung gebracht:

Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Es bezieht sich selbstverständlich nicht auf die damaligen Ereignisse, sondern stammt aus der 1821 entstandenen Tragödie Almansor. An der überzeitlichen Bedeutung dieser Worte hat sich indes nichts geändert.

Deutschland und die Zensur – Die Situation heute

Die Zeiten der Bücherverbrennungen sind glücklicherweise ebenso vorbei wie die Terrorherrschaft der NS-Diktatur. Heutzutage werden keine Künstler aus rassistischen Motiven verfolgt, offiziell gibt es in Deutschland keine Zensur.

Inoffiziell sieht die Lage gleichwohl etwas anders aus. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, kurz BPjM, ist befugt, auf Antrag Indizierungen und im härtesten Falle auch Beschlagnahmungen auf den Weg zu bringen. Jüngstes Beispiel ist Kinji Fukasakus Action-Drama Battle Royale, das bereits 2006 auf der gefürchteten Liste B des Index landete. Diese zweifelhafte Zuordnung wird Trägermedien zuteil, die nach Ansicht der BPjM mit absolutem Verbreitungsverbot aus dem Verkehr gezogen gehören. Sie dürfen fortan nicht mehr öffentlich ausliegen, sind aber beispielsweise über Erwachsenenvideotheken weiterhin beziehbar. Am 29. April 2013, rund sieben Jahre später, stellte schließlich das Amtsgericht Fulda die gewaltverherrlichende Natur des Films fest und ließ Battle Royale bundesweit einziehen. Ab sofort ist der Verkauf des Filmes strafbar.

Offiziell ist dieses Vorgehen keine Zensur, denn die BPjM handelt ausschließlich auf Antrag, nicht eigeninitiativ. Gleiches gilt übrigens auch für die FSK, die Filme nicht selbst schneidet, sondern ggf. unter Auflagen an den Verleiher zurückgibt, der dann – um doch noch eine Freigabe zu erwirken – selbst die Schere anzusetzen gezwungen ist. Denn der Gang zur FSK ist unabdingbar, ungeprüfte Filme werden nämlich automatisch wie indizierte Werke behandelt: Kein Kino würde das Risiko eingehen, einen von der FSK nicht geprüften Film ins Programm aufzunehmen. Zu groß wären die Gefahren von Sanktionen im Falle einer Beschlagnahmung.

Was lässt sich aus der heutigen Situation unter historischer Perspektive für ein Schluss ziehen? Sicher: Ganz ohne Kontrolle kann es im Sinne des Jugendschutzes nicht ablaufen. Fraglich ist jedoch die tatsächliche Praxis, denn wenn ein Film sieben Jahre nach seiner Indizierung beschlagnahmt wird, ist das nicht mehr als zusätzliche Werbung. Der geneigte Konsument wird ihn ohnehin längst im heimischen Regal stehen haben. Daher bietet sich der 10. Mai 2013 als 80. Jahrestag der Bücherverbrennungen 1933 an, einen Blick auf die heutige Situation zu werfen: Denn die einzige Möglichkeit, einer willkürlichen Zensur der Kunst vorzubeugen, ist die kritische Aufmerksamkeit derjenigen Menschen, die vor vermeintlich verrohendem Material geschützt werden sollen.