Skulptur der Thalia

Skulptur der Thalia (Quelle: store.metmuseum.org)

Folgt man Hesiods Theogonie, ist Thalia eine der zahlreichen Töchter von Zeus und Mnemosyne. Als Muse ist sie gleichermaßen Schutzgöttin der Unterhaltung wie der vorwiegend komischen Dichtung. Von diesem Erbe hat sich, man muss es leider so sagen, die gleichnamige Buchhandelskette des Douglas-Konzerns inzwischen denkbar weit entfernt. Nun schließt Thalia zugunsten des E-Commerce-Ausbaus 20 Filialen in Deutschland.

Online-Konkurrenzdruck zu groß

Der erst kürzlich erwähnte Iwan Karamasoff hätte sich in seiner Schöpfungsanschauung ebenso bestätigt gesehen wie Simon Simonini, unverbesserlicher und äußerst unsympathischer Kultur- und ‚Anthropessimist‘ aus Umberto Ecos Roman Der Friedhof in Prag: Thalia, in gewissen Kreisen an und für sich schon seit jeher als Symbol für den kapitalistischen Untergang des Buchhandels verteufelt, schließt 20 seiner 300 Filialen. Und das ausgerechnet, um sein Online-Angebot auszubauen. Wie die ‚Wirtschaftswoche‘ berichtet, seien die finanziellen Verluste für den Mutterkonzern aufgrund der starken digitalen Konkurrenz derart gewachsen, dass man sich zu einer Neuausrichtung gezwungen sah.

Die E-Books sollen es richten

Dass dieser Kurswechsel vor allen Dingen den Ausbau des E-Book-Sektors und damit des Online-Angebots betrifft, verwundert nicht, hat sich Amazons ‚Kindle‘ doch mittlerweile in ähnlicher Form als Metonymie für das elektronische Buch etabliert wie die ‚Playstation‘ für Videospielkonsolen im Allgemeinen. Ein in Kooperation mit anderen Großkonzernen entwickelter eReader mit dem Namen ‚Tolino Shine‘ soll nun den Siegeszug des ‚Kindle‘ stoppen.

Das Buch im Zentrum einer umfassenden Marketingstrategie

Wie ‚Thalia‘-Geschäftsführer Michael Busch bekanntgab, soll zudem das längst etablierte Sortiment an Artikeln über das Buch hinaus weiter aufgestockt werden, um auch die weniger literaturaffine Käuferschaft anzusprechen. Dabei bleibe jedoch das gedruckte Wort der Dreh- und Angelpunkt der Konzernstrategie. Das erscheint seltsam: Sieht man sich heute in einer Filiale der Handelskette um, muss man die Bücher unter lauter Goethe-Salzstreuern und Fan-Artikeln unterschiedlichster Provenienz bisweilen mit der Lupe suchen. Der Literaturfreund in mir trägt Trauer aufgrund des geistigen Raubmordes am Erbe der Namensgeberin, der Online-Marketeer in mir allerdings wartet in Spannung. Ein bisschen Amazon-Konkurrenz kann ja nicht schaden. Immer vorausgesetzt natürlich, ‚Thalia‘ entwickelt sich nicht zum Klon des bereits bestehenden Geschäftsmodells. Daher muss dringend ein Alleinstellungsmerkmal her. Doch was könnte das sein? Schreiben Sie Ihre Ideen gerne in den Kommentar.