Stephen King: Brennen muß Salem

Herzlich Willkommen im Jahr 1975, in einer Zeit, in der Vampire noch keinen Sinn für Romantik hatten und erst Recht nicht auf die Idee kamen, im Sonnenlicht zu glitzern. Herzlich Willkommen in einer Stadt namens Jerusalem‘s Lot, die von einem unheimlichen Gebäude mit einer nicht minder unheimlichen Geschichte dominiert wird. Brennen muß Salem, Stephen Kings Zweitling, steht in direkter und unverblümter Tradition des Schauerromans: Die Handlung ist einer literarischen Laterna Magica vergleichbar, die von verfluchten Gemäuern bis hin zu verfluchten Untoten kaum ein klassisches Gruselmotiv auslässt. Das kann man altbacken finden, es hat aber auch über 40 Jahre nach Entstehung des Buches einen unvergleichlichen Charme.

Und ewig  lockt der Autor

Auch wenn sich Stephen King in Brennen muß Salem noch sehr eng an seinen literarischen Vorbildern abarbeitet, nimmt die Hauptfigur Ben Mears bereits jene Helden seiner späteren Romane vorweg, die sich der Schriftstellerei verschrieben haben. Diese führt ihn nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt Jerusalem’s Lot und ins Marsten-Haus, den Schauplatz einer traumatischen kindlichen Mutprobe. Mears Ziel ist es, dieses Trauma literarisch zu aufzuarbeiten und da das Gebäude für all die dunklen Momente in der Geschichte von Jerusalem’s Lot steht, ist er erstaunt, zu erfahren, dass es vor kurzer Zeit verkauft wurde. Käufer sind die Geschäftspartner Richard Straker und Kurt Barlow, die in Jerusalem’s Lot ein Möbelgeschäft für Antiquitäten eröffnen wollen. Doch mit dem Auftauchen der beiden Männer beginnt das Verschwinden der Stadtbewohner, denn Barlow ist ein uralter Vampir mit unbändigem Blutdurst.

Auf der Suche nach der eigenen Handschrift

Diese Handlungskonstellation macht deutlich, dass Brennen muß Salem keine Lektüre für Leser ist, die sich von einem Roman die Erneuerung des Vampirgenres versprechen. Ganz im Gegenteil merkt man dem Text deutlich an, dass Stephen King zum Entstehungszeitpunkt noch auf der Suche nach seiner eigenen Handschrift war. Inhaltlich gibt es starke Parallelen zu Bram Stokers Dracula, alleine der Name Straker, wie Renfield ein menschlicher Diener des Vampirs, ist eine Mischung aus Stoker und Harker. Darüber hinaus sollte Brennen muß Salem ursprünglich The Second Coming heißen, ein kaum verhüllter Verweis auf den Referenztext.

Das Marsten-Haus dagegen erinnert an Poes Haus Usher, beide Gebäude werden mit menschlichen Zügen ausgestattet und scheinen der eigenständigen Beobachtung mächtig. Als Mears nach seiner Ankunft in Jerusalem’s Lot zum ersten Mal direkt vor dem Haus steht, heißt es:

Er schluckte und starrte das Haus wie hypnotisiert an. Es starrte mit geistloser Gleichgültigkeit zurück.

Ähnliches lesen wir über das Haus Usher, als es nach der Reise vor dem Erzähler auftaucht:

Ich betrachtete das vor mir liegende Gebäude mit seiner einfachen landschaftlichen Umgebung – die frostigen Mauern, die leeren Fensterhöhlen, die wie erloschene Augen starrten, ein paar Büschel steifer Binsen, ein paar weißlich schimmernde Stämme verdorrender Bäume – mit einem Gefühl […] tiefer Niedergeschlagenheit (Hervorhebungen von WS)

Brennen muß Salem: Klassisch oder angestaubt?

Nun ist ein gutes Buch grundsätzlich mehr als die Summe seiner Bezüge und Brennen muß Salem ist immer dann besonders stark, wenn es gruselig wird. Zwischen der ersten und zweiten Lektüre lagen für mich viele Jahre und dennoch war mir die Szene, in der der Lehrer Matt Burke hört, wie im Nebenzimmer ein Vampir eingelassen wird und anfängt, sich an einem ehemaligen Schüler zu laben, noch bis in einzelne Details erinnerlich. Gleiches gilt für die tragische Geschichte der Geschwister Glick, die zu den ersten Opfern Barlows gehören. In diesen Passagen entfaltet sich Stephen Kings erzählerisches Talent, seine besondere Fähigkeit, Spannung mit atmosphärischer Dichte zu kombinieren.

Sicherlich hat Brennen muß Salem einige unüberlesbare Schwächen: Das Figurenpersonal ist zu unübersichtlich und in Teilen handlungsirrelevant, einige sorgfältig vorbereitete Wendungen wie z.B. Susans Schicksal werden zu abrupt vollzogen und verlieren dadurch maßgeblich an Wirkung. Nicht zuletzt ist der Roman insofern überraschungsarm, als zum einen sehr schnell deutlich wird, um wen es sich bei Barlow handelt und als die Vampire zum anderen ethologisch in den Stokerschen Grenzen bleiben. Gerade der letzte Punkt ist für Freunde traditioneller Gruselliteratur aber auch ein Grund zur Freude, denn wer klassische Vampirromane schätzt, bekommt mit Brennen muß Salem ein besonders spannendes Exemplar. Ungeachtet aller Nostalgie hat mich hat die Geschichte auch bei der zweiten Lektüre sehr gut unterhalten.

Brennen muß Salem
Published by: Zsolnay Verlag Gesellschaft m.b.H.
ISBN: 3-552-04702-6
Available in: Hardcover