Philip Roth "Exit Ghost"

rororo-Cover von Philip Roths „Exit Ghost“ (Quelle: poetenladen.de)

Meine erste Begegnung mit Philip Roth fand auf dem literarischen Parkett des Romans Die Demütigung statt. Sie blieb lange Zeit die letzte: Erzählerisch unbestreitbar brillant, gerät die Geschichte um den ehemals gefeierten Schauspieler Simon Axler vor allem in der zweiten Hälfte zu einem Musterbeispiel schmieriger Altherrenliteratur, dem aufgrund des hanebüchenen Umgangs mit Sexualität und Begehren jede Glaubwürdigkeit abhandenkommt. Dennoch griff ich nach einigen Jahren eher zufällig zu Exit Ghost, das sich zwar ebenfalls auf schonungslose Weise mit dem Älterwerden auseinandersetzt, sich aber wesentlich unverkrampfter und folgelogischer entwickelt.

Die Tiefe der sprachlichen Direktheit

Wieder ist es der Stil, der einen von der ersten Seite an derart gefangen nimmt, dass man unweigerlich mehr haben will; ein Mehr, welches durchaus dem Wunsch des ewigen rothschen Helden Nathan Zuckerman entspricht, der sich nach Jahren der Einsiedelei und Stillarbeit nach New York aufmacht, um sich dort einer neuartigen Behandlung zur Beseitigung seiner Inkontinenz zu unterziehen. Dort lernt er ein junges Schriftstellerehepaar kennen, das nach dem 11. September in der Hoffnung auf die zum Arbeiten notwendige Konzentration der Hektik der Stadt entfliehen will und lässt sich auf einen Wohnungstausch ein. Jamie, die junge Frau, wird unvermittelt zum Brennpunkt seines Begehrens, eines Begehrens, das er längst durch Askese und strenge Selbstzucht erstickt zu haben glaubte.

Roth gelingt es, diesen vielschichten Stoff in einer sprachlichen Vollkommenheit zu behandeln, deren Direktheit ihresgleichen sucht. Von intellektueller Eitelkeit ist in Exit Ghost nichts zu spüren, jeder Satz erscheint zwingend, jede Formulierung wie in Stein gemeißelt:

SIE Das stimmt. Ich habe sonst keine Interaktionen wie diese.

ER Müssen Sie dieses Wort gebrauchen? Sie sind doch Schriftstellerin – streichen Sie das Wort ‚Interaktion‘ aus Ihrem Wortschatz. (153)

Dieses Zitat aus Zuckermans Drama Er und Sie erscheint hier geradezu wie Roths eigene poetische Richtschnur: Vermeide erzählerische Effekthascherei und konzentriere Dich auf die direkte Aussage.

Dass eine solche gleichwohl harter Arbeit abgerungen ist, wird an folgendem Zitat deutlich, das einen Teil der Reflexionen Nathan Zuckermans über das Schweigen des von ihm verehrten Autors E. I. Lonoff widergibt:

Wie hatte es bei einem derart entschlossenen und erfahrenen Schriftsteller, für den die Gestaltung seines unverkennbaren, lakonischen umgangssprachlichen Stils eine nie endende Schwerarbeit gewesen war, die er nur durch überaus gewissenhaft eingesetzte Geduld und Willenskraft zu bewältigen vermochte, zu einer fünfjährigen Schreibblocke kommen können? (32)

Zwischen den Zeilen, so lässt sich ohne biographistischen Übereifer mutmaßen, schreibt Roth hier auch über seinen eigenen schwer erarbeiteten umgangssprachlichen Stil.

Von Schwänzen, Mösen und Blowjobs

Doch zurück zum Begehren: Zuckerman schmeißt im Angesicht von Jamie jegliche Askese über Bord und imaginiert sie fortan als unersättliche femme fatale mit zahlreichen Liebhabern. Und klar, neben der obligatorischen Misogynie ist er da wieder, der in Roths Werk allgegenwärtige Sex, durch die sprachliche Vulgarität in krassem Kontrast stehend zur schnörkel- und makellosen Verbalakrobatik des übrigen Textes. Skandalös ist das heute alles nicht mehr, höchstens ein wenig zu kalkuliert und oberflächlich. Sicher: Sex ist platt, Sex ist direkt, aber Sex ist eben auch höchst kompliziert. Hier den Spagat zwischen Wichsvorlage und ernsthafter Auseinandersetzung hinzubekommen, liegt nicht jedem und Roths Sache ist das zumindest in Exit Ghost ebenso wenig wie in Die Demütigung. Dass sich Zuckerman eine Affäre zwischen Jamie und dem unbeherrschten Biographen Kilman vorstellt, folgt zwar den oft irrationalen Regungen der Eifersucht. Dass dabei allerdings nahezu ausschließlich pornographische Dialoge herauskommen, hat weniger mit schonungsloser Offenheit als, so scheint es, vielmehr mit dem unbedingten Willen zum Skandal zu tun. Auch Péter Nádas nimmt in dieser Hinsicht kein Blatt vor die Feder, macht in seinen Parallelgeschichten den Körper jedoch zum Kampfplatz persönlicher wie politischer Konflikte und stellt die Sexualität mit diesem Kniff in ihrer ganzen Trivialität dar, ohne ihr die Tiefe zu nehmen.

Am Ende bleibt der Sieg der Phantasie

Wer über diesen Punkt hinwegsehen kann, bekommt mit Exit Ghost ein erzählerisches Ausnahmewerk serviert, in dem, wie so oft, die Fiktion über die Realität triumphiert. Er und Sie endet aus Zuckermans Sicht versöhnlich, Exit Ghost nicht unbedingt. Was der Dichte, der Vielschichtigkeit und der wundervollen Sprache allerdings keinen Abbruch tut: Ein außergewöhnlicher, manchmal ärgerlicher, aber auf jeder Seite packender Roman über die großen Themen des Lebens. „The answer to life’s mystery is simple and direct, Sex and Death.“ Kaum ein Buch kommt dieser Textzeile Motörheads näher. Absolute Leseempfehlung.